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Finnish Legacy

Wir waren mit Fabien und seinem Sohn Jeremy in Finnland, um uns von den Jungs um Eero Ettala und Heikki Sorsa die finnischen Vibes zeigen zu lassen.

Text & Fotos: Niklas Müller
Titelbild:
Janne Lipsanen

Von Eero Ettala, Peetu Piiroinen, Roope Tonteri, Antti Autti und Antti Jussila bis hin zu Rene Rinnekangas. Wie lautet das Rezept Finnlands, das seit Jahrzehnten einige der besten Snowboarder dieser Welt hervorbringt?


Wenn jemand die Frage auf diese Antwort kennt, dann er: Fabien Rohrer gehörte Mitte bis Ende der 90er Jahre zur absoluten Weltelite der Halfpipe Snowboarder und war lange Zeit der einzige, der Terje ernsthafte Konkurrenz in der Pipe machen konnte. Den absoluten Durchbruch schaffte der Schweizer nachdem er vor fast 30 Jahren in der Preseason nach Finnland kam, um sich mit einem finnischen Trainerteam auf die Halfpipe Saison vorzubereiten. Nachdem er in der folgenden Saison bei fast allen Contests abräumte, waren die 5 Wochen Finnland im Herbst für ihn fest eingeplant. Wir haben Fabien und seinen Sohn Jeremy nach Finnland begleitet, um zu verstehen, was es mit finnischem Snowboarden auf sich hat.

Fabien Rohrer – Follow your Heart. „Mini“ Pipe Laax. Foto: Jake Terry.

 

Es ist 21:30. Wir sind gerade von einer Session mit Eero Ettala und Heikki Sorsa zurückgekommen, draußen beginnt erst jetzt die Sonne langsam unterzugehen. Fabien sitzt am Küchentisch und checkt die Aufnahmen von seinem Sohn Jeremy aus dem Park. Der 10 – jährige steht hinter ihm am Küchentresen und verbessert seine Fingerskateboarding Skills mit seiner neuen Tech Deck Sammlung.


„Und?“ Grinst mich Fabien über den Rand seiner Brille an. „Verstehst du Finnland so langsam?“
Finnland verstehen? Ein Land, in dem die Sonne im Winter kaum aufgeht, im Sommer kaum untergeht und das so flach zu sein scheint wie Zentralholland. Ein Land, das trotzdem seit Jahrzehnten einige der besten Snowboarder der Welt hervorbringt. Let’s see…


6 Stunden vorher sitze ich im Zug vom Flughafen Helsinki in den 30 Minuten entfernten Vorort Hyvinkää. Neben mir klatscht ein weiteres Boardbag auf den Boden. Aada ist aus Lappland, sie besucht ihre Eltern in Helsinki. Zum studieren ist sie vor 5 Jahren nach Innsbruck gezogen und fliegt von ihren Eltern weiter nach Hemsedal zum Snowboarden. Aufgeregt zeigt sie mir Fotos von Talma, die sie aus dem Flugzeug gemacht hat. Das kleine Resort zwischen Hyvinkää und Helsinki war die Spielwiese von vielen Pros, als sie noch zur Schule gingen. Eero Ettala, Heikki Sorsa und die Jungs des damals berüchtigten Trulli Clans bestehend unter anderem aus Ilka Backstrom, Eero Niemela und Lauri Heiskari haben hier Mitte der 90er ihre ersten Backflips gelernt. Wenn man Eeros Instagram Feed checkt, sind die meisten seiner jetzigen Videos immer noch dort aufgenommen.

Nach 30 Minuten finnischem Flachland Sightseeing komme ich in Hyvinkää an. Vielleicht liegt es an der Nähe zu Russland, aber die finnische Vorstadt erinnert mehr an grauen Sozialplattenbau als an skandinavischen hyyge Lifestyle. Am Bahnhof warten Fabien und Jeremy schon auf mich.

„Du kannst dich gleich umziehen, das Resort hat gerade aufgemacht.“, begrüßt mich Fäbu, wie Fabien in der Schweiz genannt wird. Zusammen fahren wir die 10 Minuten ins Resort Sveitsii, Schweiz auf Finnisch. „Passend“, grinst der 46-jährige Berner und biegt dem Schild nach Sveitsii folgend rechts ab. Keine 10 Sekunden später sind wir oben angekommen. Das Resort auf stolzen 55 Metern über Meereshöhe besteht aus einem kleinen Cafe und 2 Schleppliften.


Es ist 18:00, taghell und in Sveitsii ballern sich ca. 100 Jugendliche auf engstem Raum seit 2 Stunden über die Kicker- und Railline.


 

Welches Resort macht denn erst um 16:00 auf? In Finnland so gut wie jedes. Im Winter ist es so dunkel, dass die Gebiete sowieso mit Flutlicht bestrahlt werden müssen, im Frühling so lange hell, dass man ohne Probleme bis 21:00 fahren kann. Snowboarden ist wie ein Afterschool Programm für die Kids, die nach der Schule am Nachmittag noch 5 Stunden im Park verbringen können. Rund um Helsinki ist die Landschaft außerdem so flach, dass kleine Erderhöhungen als Resorts reichen müssen. Da man auf so wenig Platz mit Carvingski nicht sehr weit kommt, bestehen die Resorts um die finnische Hauptstadt fast komplett aus Snowparks. Snowboarden besteht hier also gezwungenermaßen aus kompakten Runs mit Rails und Kickern soweit das Auge reicht.

Die beiden fahren eine Warm-Up Lap, bevor sie gemeinsam den Park auschecken. Frontboard über ein Rainbow, Front Blunt 270 auf der Rail und noch ein Backside 540 über die Hip. Erst der Vater, dann der Sohn. Fabien coacht Jeremy und managet seinen Instagram Account, jedoch ohne Leistungsgedanken und Druck.


„Da draußen sind so viele Eltern von talentierten Kids, die durch ihre Kinder kompensieren wollen, was sie selber im Snowboarden nie erreicht haben. Bei uns ist das nicht so. Jeremy soll keine Contests fahren, sondern einfach Spaß haben und Snowboarden um eine gute Zeit am Berg zu haben.“


Und die hat er. Man merkt, wieviel Freude Jeremy beim Snowboarden hat, selbst wenn er mal bailt. Nach ein paar Runs verfehlt er im Park eine Rail – und holt sich ein blaues Auge. Trotzdem lacht er, singt, blödelt rum, macht seine Bindung wieder zu und zieht First Try einen Backflip. Auf sein Talent sind auch schon Sponsoren aufmerksam geworden. Große Namen wie Nitro, Volcom und TSG supporten den 10 – jährigen schon mit Stuff. Statt Jeremy aber von Contest zu Contest zu jagen, um Sponsorengelder oder Preisgelder einzustreichen, connected Fabien ihn mit anderen Pros, um ihm den Spirit, den Spaß und diese besondere Stimmung zu zeigen, die nur durch gemeinsame Sessions am Berg entstehen kann. In der „Generation Challenge“ fordert Jeremy Pros heraus, indem er Tricks vorfährt, die sie dann nachfahren.

Fabien, Jeremy und Eero.
Heikki, Jeremy und Fabien.

 

Für die Pros ist es natürlich eine willkommene Abwechslung, von einem 10-jährigen auf diesem Level gechallenged zu werden. Besonders für Eero, der selbst erst vor ein paar Jahren Vater geworden ist und Fabien und dessen Beziehung zu Jeremy als Inspiration sieht, wie man die Liebe zum Snowboarden an die Kids weitergeben kann.

 

BS Boardslide to Fakie /// Jeremy.
Heikki & Jeremy - Backflip
Backflip /// Heikki & Jeremy
BS Boardslide to Fakie /// Eero

Für das Kontrastprogramm zum Snowboardzirkus ist aber gesorgt. Fabien schickt Jeremy auf eine britische Schule in der Schweiz. Das britische Benehmen und Fabiens Lebenserfahrung färben auf Jeremy ab – für seine 10 Jahre ist Jeremy sehr höflich, sehr reflektiert, ohne die fröhliche Neugier seines Alters zu vergessen.
Und wenn er mal nicht snowboarden will?


„Dann gehen wir eben nicht snowboarden. Wenn er mehr Lust hat mit einem Buddy schwimmen zu gehen, dann gehen wir schwimmen. Er soll aus den richtigen Gründen snowboarden gehen wollen, nicht weil ich ihn überrede“


Eero & Jeremy

Fabien ist wichtig, dass Jeremy kein Instagram Snowboarder wird, der früh ein Rockstarleben führt, von Contests verbrannt wird und den Spaß am shredden verliert.


„Jeremy muss klar sein, dass er nicht zu jemandem bei Instagram aufschauen soll nur weil diese Person ihr Leben in einer gewissen Weise darstellt. Die Leute folgen Jeremy, und sehen was er tut, aber er soll einfach er selbst sein.“


Er selbst sein, und vor Allem seinem Herzen folgen. Genau wie Fabien, fast 30 Jahre zuvor, als er mit 19 an das Büro seines Schuldirektors klopft, um ihm mitzuteilen, dass dies sein letzter Schultag sei und er sich gern anständig verabschieden würde. Was er jetzt vorhat? Snowboardprofi werden. Damals ist er gerade mal in den Top 1000 der ISF Weltrangliste.

 

 

Kurz darauf folgt er Nitro Teamkollegin Nici Pedrozelli nach Finnland, um mit dem dortigen Trainerteam rund um Juha Sulkakoski zu trainieren. Aber warum ausgerechnet nach Finnland? Wir treffen uns, auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage, mit Fabiens damaligen Coach Juha Sulkakoski in dessen Zuhause. Juha war einer der Ersten in Finnland, die auf einem Snowboard standen. Bevor er Fabien und das Pro Cut Team rund um Nici Pedrozelli und Max Plötzeneder trainierte, betreute er die finnische Halfpipe Nationalmannschaft. Sein selbst gebautes Holzboard aus den 80er Jahren steht inzwischen in Helsinki in einem Museum als eines der ersten Snowboards Finnlands. Nach dem Pro Cut Team trainierte Juha das finnische Ausnahmetalent Heikki Sorsa sowie das finnische Burton Team und veranstaltete finnische Big Air Contests. Heute lebt er mit seiner Familie auf dem Land in der Nähe von Talma und arbeitet in der finnischen Start-Up Szene.

Finnischer Alltag – Juha Sulkakoski.

Auf die Frage, weshalb das Pro Cut Team nach Finnland kam, erklärt Juha, dass die Pipes aufgrund der Temperatur in Finnland durchgehend vereist sind und die Locals daher besser auf den Kanten fahren als Rider aus den Alpengebieten. Während Terje und der Rest von Fabiens Konkurrenz also neue Tricks in der Pipe lernen, quält Juha das Pro Cut Team daher mit unkonventionelleren Methoden. Sein Ansatz: Back to the Basics. Nur wer seine Kanten effektiv nutzen kann, besteht in den eisigen Pipes Lapplands. Er lässt einen Riesenslalom aufstellen, ein Racer mit Hardboots erwartet das Pro Cut am ersten Tag des Camps um eine Zeit vorzufahren. Nur wer diese Zeit einfährt, forward und switch, darf in die Pipe.

Fabien Rohrer & Juha Sulkakoski.

 


„Ich hab nach einer Woche heulend meine Mutter angerufen und ihr gesagt ich will sofort wieder heim.“


Als Fabien nach einer Woche als erster den Slalom hinter sich lassen kann und in die Pipe droppt, ist er geschockt, wieviel mehr Airtime er hat.


„Ich bin unten angekommen und hab meinen Mentalcoach Hannu Laakkonen erschrocken angeschaut. Fuck Hannu, ich glaube ich brauch einen Helm!“.


Pro Cut ist damals das erste Team, das Snowboarden als Leistungssport versteht. Sprungkraftmessungen, Ausdauertraining, Mentalcoaching, Spezialisten für Wachs und Kanten. Was heute der Standard für Contestsnowboarder ist, war Mitte der 90er ein absolutes Novum. Kombiniert mit den kleinen, isolierten Hängen im finnischen Hinterland kristallisiert sich Finnland zum perfekten Trainingscamp für die Preseason.


„In Skandinavien sind nun einmal die Bedingungen anders. Ich war 5 Wochen an einem Hügel, ein Schlepplift, zwei Kicker, eine Pipe. 5 Stunden, jeden Tag. Ich hab nach einer Woche heulend meine Mutter angerufen und ihr gesagt ich will sofort wieder heim. Aber nach den 5 Wochen war ich eine Maschine. Cab Rodeo? Kein Problem. Den hab ich danach bei Contests schon beim Aufwärmen gemacht, nur um die anderen anzupissen.“


Nur die Disziplin fehlt Fabien anfangs noch. Nach einer Woche stellen Juha und sein Team ihn vor die Wahl: Party machen und heimfliegen, oder trainieren.


„Das hat einen Schalter umgelegt. Bis heute hilft mir die Disziplin, die ich in den Camps in Finnland gelernt habe. Und ich kann seitdem einfach nicht aufhören in Wettbewerben anzutreten und dort alles zu geben. Das hat mir besonders nach meiner aktiven Karriere geholfen Fuß zu fassen.
Ich habe Juha und unserem damaligen Team viel zu verdanken.“


Mit diesen Worten verabschieden wir uns von Juha und fahren zurück nach Hyvinkää. Es ist gerade 15:30. In einer halben Stunde machen die Lifte auf und wir sind mit Eero Ettala, Heikki Sorsa, Peetu Piiroinen und ein paar weiteren finnischen Ridern verabredet.

Wenn wir ankommen ist es 16:00 – Bis die Lifte zu machen haben wir wieder 5 Stunden Zeit…


Jeremy hat gerade seinen ersten Kickflip mit seinem Tech Deck Board gestanden. Ich grinse Fabien über den Küchentisch zurück an.
Vielen Dank Fabien, so langsam glaube ich Finnland zu verstehen.


 

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