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Travel

Vorsicht vor dem Wind

Xavier De Le Rue definiert den Helidrop in Alaska komlett neu

John Jackson Kazu Kokubo und Blair Habernicht starren mich mit offenen Mündern über ihren halb aufgegessenen Pizzas an. Es braucht schon eine ziemlich beeindruckende Story um diese Reaktion von professionellen Snowboardern mit ihrem Erfahrungsschatz heraus zu kitzeln. Aber was ich ihnen gerade erzählt habe – die Story, die du jetzt gleich lesen wirst – ist nun mal einfach so beeindruckend: Xavier De Le Rue hat das Regelwerk für Zugänglichkeit ins Backcountry neu geschrieben.


Text: Ed Leigh // Deutsche Bearbeitung: Yalda Walter // Fotos: Tero Repo

Ich wurde 2014 von Timeline Productions zum ersten Trip des Degrees North Film Projektes in die Arktische Wildernis Svalbard eingeladen. Geplant waren ihre ersten zaghaften Versuche in der Welt des motorisierten Paragleitens. Falls sie dir noch nicht begegnet sind – Paramotoren sind Paragleitschirme mit dem Bonus kleiner Zweitaktmotoren, die einen Propeller am Rücken des Pilots unterstützen. Das bedeutet, dass der Flügel nicht mehr die Hilfe von Wärmeströmungen benötigt und so unabhängig davon an Höhenmetern gewinnen kann – und das Ganze mit zwei dranhängenden Personen.

Du kannst die Svalbard Story hier lesen, aber es reicht wohl zu sagen, dass sie ein riesiger Erfolg war. Die Paramotoren wurden benutzt um Terrain abzusuchen und Lines zu filmen – eine Idee, die De Le Rue schon 2011 austestete, als er mit den limitierten Ressourcen auf seiner Expedition in die Antarktis konfrontiert war. Während diesem Prozess traf er auf Christophe Blanc Gras, einer von Frankreichs talentiertesten und erfahrendsten Paragleit-Piloten , und zusammen begannen sie an der Idee zu feilen, dass Paramotoren Lines eröffnen könnten, die vom Fuß des Berges nicht zu sehen sind. Das eröffnete eine komplett neue Welt an Möglichkeiten für Xavier, der die seltene Gabe besitzt, eine aktive Fantasie gepaart mit Können und Entschlossenheit in sich zu verbinden, um diese Ideen Wirklichkeit werden zu lassen.

“Xavier vereint in sich eine aktive Fantasie mit Können und Entschlossenheit, um diese Ideen Wirklichkeit werden zu lassen”

Einer von Xavier’s vielen Fanboys..

De Le Rue’s Plan ist, die Paramotoren wie Helikopter zu benutzen. Er möchte im Tandem an die Bergspitze fliegen um dann vom Vordach auf die Bergwand drunter aufzuspringen. Das klingt absolut irre, und viele Leute haben Xavier auch offen ins Gesicht gelacht. Aber sie kennen den Franzosen offenbar nicht sehr gut.

Fast genau ein Jahr nach Svalbard bin ich mit der Crew zurück in Alaska. Wir sitzen auf der Rollbahn des Flughafen Haines. Ich sage Flughafen – in Wirklichkeit gibt es einen Zaun, ein Dixieklo, einen anständigen Runway, der von gewaltigen Bergspitzen flankiert ist, die jedoch gerade niemand bewundert. Xavier De Le Rue hat seine Coolness verloren. Wenn das hier ein normales Ereignis wäre, bin ich mir sicher, dass Leute abgelenkt aussehen würden und die banalsten Dinge plötzlich faszinierend finden, aber alle sind gelähmt. Niemand hat die für ihre Ruhe berühmten Pyrennean wütend gesehen, und die ganze Crew starrt, als De Le Rue’s Laune in Fahrt kommt. Er flucht und schreitet auf und ab und niemand ist sich sicher, wie man reagieren soll, deshalb geben ihm alle seinen Raum. Er ist ein großer Mann und das hier unbekanntes Territorium.

"Hände hoch, wer scheißen muss!"

Der Ausbruch und die Frustration sind jedoch verständlich. Er hat bereits ein kleines Vermögen auf einem unfruchtbaren Trip weiter nach Norden verprasst, wo der mangelnde Schnee überwältigend war, und die letzten neun Tage wurden damit verbracht, in graue Himmel zu starren während der Lagerkoller sich zuspitzte. Es erscheinen zunehmend größere Löcher im Himmel, und während sich andere Film Crews und private Kunden bereits in der Luft befinden, scheint für uns nichts zu passieren.

Zehn Minuten später interessiert es niemanden ob es der Wutanfall oder schierer Zufall war, denn die Leute arbeiten nun auf Hochtouren. Die Netze mit der Ausrüstung werden mit langen Leinen an der Unterseite des Helikopter angebracht und Crew Mitglieder klettern an Board. Von Null auf Hundert in einer Millisekunde – das isst die klassische Routine bei Helikoptern in den Bergen.

Erstmal Füße hoch

Diese Expeditionen sind nicht einfach oder billig; in diesem Fall werden zehn Menschen innerhalb von 15 Minuten südwestlich von Haines übersetzt, über den Chilkat Fluss zum Rainbow Gletscher. Der sitzt am Rand der Terrains, dass für Seaba Heli Operationen benutzbar ist. Das Camp ist perfekt, es bietet die Sicherheit eines flachen Grunds über dem Gletscher und Fels, der gegen die Elemente schützt. Die Haupt-Berghänge sind klar sichtbar, so dass Kameramänner nicht weit gehen müssen, und das Sahnehäubchen ist die perfekte Startbahn für die Paramotoren um abzuheben.

“De Le Rue’s Plan ist, die Paramotoren wie Helikopter zu benutzen. Er möchte im Tandem an die Bergspitze fliegen um dann vom Vordach auf die Bergwand drunter aufzuspringen.”

Die Crew besteht aus Regisseur/Filmer Guido Perrini, Filmer/Daten-Cowboy Tim Burgess, Filmer/Produzent Matt Hollis, Fotografen Tero Repo, Dronen Pilot Christoph Weber (ja, der selbe Ex Pro und Langzeit Kollaborateur von David Benedek), Paramotor Pilot Chriophe Blanc Gras und den Athleten – Ralph Backstrom aus Tahoe, Sam Anthamatten aus Zermatt und natürlich, die treibende Kraft hinter dem Projekt: Xavier De Le Rue.

Es gibt genug Ausrüstung und Essen um fast drei Wochen auszusitzen, und es brauchte Monate an Planung um alles zusammenzutragen. Aber als das Geräusch der Helikopter-Klingen die Luft zerschneidet ist der Moment der Euphorie schier greifbar. Jeder weiß, dass es jetzt gerade nichts anderes mehr gibt, die harte Arbeit ist getan. Alles was bleibt ist essen, schlafen und, je nach deiner Rolle in dem Ganzen, shredden, fliegen oder die Action auf Film einzufangen.

Das Camp ist innerhalb von drei Stunden aufgebaut und Christophe, als der älteste Franzose der Runde, übernimmt die Aufgabe des Kochs. Es ist geplant, eine Stunde vor dem ersten Tageslicht aufzubrechen, wir werden also um 4.15 aufstehen. Jeder füllt die Flaschen des letzten Topf kochenden Wassers um sie in die Schlafsäcke als provisorische Wasserflaschen zu geben. Mehr als zwei Meter Schnee ist in der letzten Woche gefallen und die Voraussage ist fünf Tage ruhiges Wetter. An diesem Punkt könnte es nicht perfekter laufen.

Ich wache um 1.30 Nachts vom Lärm eines Krieges auf. Eine Reihe an Explosionen füllt jeden noch so kleinen Winkel im Tal. Ich komme langsam wieder zu Sinnen… Ich bin in einem Zelt und wir campen an einem sicheren Ort. Ich streife meine Stiefel über und laufe nach draußen, Ralph, Sam und Xavier stehen bereits dort und blicken auf Grandma’s Wrinkles, den Juwel in der Krone der Gebirgswand, die sie fahren wollten. Der Himmel ist klar, aber ein schimmernder Nebel von Schneepartikeln hängt in der Luft, und durch ihn kannst du sehen, dass der Berg blank ist. Er wurde bis zum Fels freigelegt – ein gesamter Winter an Schnee ist vom Hang gefallen. Mehr als sechs Meter Unterlage sind in einer Lawine abgegangen, ausgelöst von einer Schneewächte der Größe eines Mähdreschers, der vom Kamm fiel. Die Schneeflut, die dabei kreiert wurde ist beängstigend – es ist die größte Lawine, die ich jemals gesehen habe und verlief mehr als eine Meile den Hang runter und über den Gletscher.

“Ein gesamter Winter an Schnee,ausgelöst von einer Schneewächte, ist vom Hang gefallen”

Golden hour, wind power.

Für lange Zeit spricht niemand. Zu niemandem im Speziellen murmle ich, dass das kein gutes Omen ist.

„Es ist wie Roger Federer, der sich für’s Finale aufwärmt während das Wimbledon Stadium zusammenfällt.“ Antwortet Sam.

Ich kann mir nicht anders helfen, als zu lachen. Eitelkeit ist eine Eigenschaft, die sleten bei Big Mountain Skifahrern und Snowboardern zu finden ist (im Gegensatz zu dem hohen Prozentsatz bei ihren Freestyle orientierten Kollegen). Vorfälle wie der, dessen Zeuge wir gerade wurden erlaubt es vernünftigen Menschen nicht zu posieren und ihr Ego aufzupolieren, und wenn sie es doch tun, halten sie normalerweise nicht lange durch. Mit dem Ende der Show, beruhigt sich auch die Stimmung aber ich bin beeindruckt, dass alle drei die Köpfe zurück in ihr Zelt stecken um ein bisschen mehr Schlaf zu bekommen, bevor wir aufbrechen.

Im krassen Tageslicht ist die Nachwirkung dieses Rutsches weniger schockierend. Die Steigung des Hangs, das Volumen des Schnees und die Distanz, die er zurückgelegt hat lässt bei niemandem Zweifel aufkommen, dass niemand einen Rutsch dieser Größe überlebt hätte. Ralph meldet das Ereignis an Seaba und die bestätigen, dass weitere Schneewächten dieser Größe in der Region abgegangen sind. Der angehäufte Schneefall kombiniert mit warmen Frühlingstemperaturen bedeutet, dass die Schwerkraft ihr Tribut zollt. Ich sehe, wie die Informationen bei allen langsam durchsickern; es ist fast so etwas wie Erleichterung zu spüren, dass das Ganze jetzt passiert ist, um uns daran zu erinnern, was für Risiken das Team eingehen muss. Es besteht kein Zweifel daran, dass das Ganze nun mit noch mehr Vorsicht angegangen wird.

“Dann scheißt Xavier sich in die Hose. Auf halbem Weg zum Kamm realisiert er, dass es dringend wird, er sprintet und versucht alle Kleiderschichten runterzukriegen, bevor er sie alle ruiniert.”

Dann scheißt Xavier sich in die Hose. Auf halbem Weg zum Kamm realisiert er, dass es dringend wird, er sprintet und versucht alle Kleiderschichten runterzukriegen, bevor er sie alle ruiniert. Während der Sturm-Perioden in Haines hat die Crew große Mengen an Muscheln vom Fluss geerntet und Xavier, der sie mehr als alle anderen konsumiert hat, leidet jetzt an deren Rache.

“Da war die Scheiße wohl richtig am dampfen, nicht wahr Xavier?” “Sag das nicht..”

Es gibt einen massiven Luftzug und während der nächsten 48 Stunden zählt Xavier ganze 22 zunehmend fragile Besuche auf die Toilette. Er sieht fürchterlich aus und isst kaum. Während seiner Abwesenheit beginnen Anthamatten und Backstrom ein paar der einfacheren Lines zu Fuß. Der Wind ist zu stark um den Paramotor zu fliegen, und mit reduzierter Verantwortung schließe ich mich Sam und Ralph für ein paar der Runs an.

Es ist die Art Szenario, von der du träumst: perfekter Schnee, einige der weltbesten Rider als Guides, und genügend Zeit. Letzteres ist der Schlüssel für mich. Wir sind mit Splitboard unterwegs und klettern, so haben wir genug Zeit die Lines während des Kletterns zu verinnerlichen. Einer der Dinge, die dir niemand über das Heliboarden sagt, ist, dass du selten einen guten Sitz im Heli bekommst, wo du genug von der Line sehen kannst, oder falls doch, ist es nur ein Schnappschuss. Dann musst du dich darauf verlassen, was jemand anderer dir sagt und das Selbstbewusstsein haben, dich wirklich gehen zu lassen. Ich konzentriere mich auf jedes Feature und darauf, wie es sich verändert, während ich beginne, auf die Line hinunterzublicken; ich fokussiere auf die Schlüsselstellen der Line und versuche einen Fluchtweg herauszuarbeiten, falls irgendetwas schief gehen sollte.

“Ich mache mir in Gedanken eine Notiz, mich an die sanften Hänge in der 40-Grad Region zu halten.”

Ich bin am Gipfel auf etwas, dass der legendäre AK Guide Tom Burt eine Bowlingkugel nennt – eine gewölbte Piste, die beinahe ohne charakteristische Merkmale zur Orientierung ausrollt. Ich versuche, meine Nerven zu behalten, als ich Richtung Abgrund an Geschwindigkeit gewinne, versage dabei aber kläglich. Die Piste verwandelt sich in einen Aufzugsschacht im 50-Grad-Bereich und mein Mut entschwindet mit zu schnell wie der Schnee unter meinen Füßen. Ich bin dabei eine ernsthafte Lektion in Hingabe zu bekommen. In so steilem Terrain gibt es keinen Weg zu stoppen, stattdessen musst du deine Line gut genug kennen, um instinktiv zu improvisieren, wenn Dinge schief laufen. Die Sache ist die, dass sehr wenige Menschen realisieren, dass komfortabel oder sogar graziös auszusehen in Alaska bedeutet, eine Menge Zeit und Geld zu investiert, und dabei geduldig und bescheiden zu sein. Ich habe mich bereits ein paar mal aus meiner Komfortzone herausbewegt und wurde darüber aufgeklärt, und das hier ist ein schnelles Eintauchen in sich wiederholende Episoden. Ich fahre in eine Gletscherrinne nur über einer Boardbreite weit und mein Anfänger-‚Sluff-Management’ (die Kunst Mini-Lawinen zu vermeiden, die kreiert werden, wenn man steile Hänge befährt) bedeutet, dass ich in einen Engpass gespült werde. Irgendwie schaffe ich es, auf den Füßen zu bleiben und aus der Schürze darunter abzuprallen. Ich hatte Glück. Es ist eine weitere Erinnerung daran, wie gut Sam, Ralph und Xavier sind und wie leicht es ist, sich in falscher Sicherheit zu wiegen, wenn du mit ihnen unterwegs bist. Ich mache mir in Gedanken eine Notiz, mich an die sanften Hänge in der 40-Grad Region zu halten.

“Die Piste verwandelt sich in einen Aufzugsschacht im 50-Grad-Bereich und mein Mut entschwindet mit zu schnell wie der Schnee unter meinen Füßen. Ich bin dabei eine ernsthafte Lektion in Hingabe zu bekommen.”

Wir erwachen spät am 5. Morgen und finden Xavier wieder munter vor. Sein Magen erlaubt ihm zu essen, und während der Himmel milchig ist, hat sich der Wind gelegt. Während der letzten paar Tage haben Ralph und Sam einige der kleineren Lines abgeklappert, sich aber von allem Großen ferngehalten, um abzuwarten, ob das Wetter es zulassen würde, sie mit Paramotoren zu erreichen. Während das Tempo des Lebens im Camp sanft ist, kannst du spüren, wie die Atmosphäre beginnt, sich zu verändern, als die Aussicht auf den Flug Realität wird. Sowohl De Le Rue als auch Anthamatten sind fähige Piloten. Wie Xavier sagte:

„Ich habe gelernt zu fliegen, weil ich das Potential und die Grenzen der Paramotoren für mich selbst verstehen muss.“

Anthamatten hatte das Fliegen für die Svalbard Expedition gelernt, und war am Ende des Trips sehr selbstbewusst. Backstrom auf der anderen Seite war noch nie unter irgendeiner Art von Schirm geflogen und hatte keine Erwartungen. Die Jungs hatten ihre Zeit in Haines jedoch produktiv genutzt: der Pilot Christophe schnürte den Paramotor Sitz von den Raftern ab, sodass jeder wiederholte Male den Prozess des Abschnürens üben, die Gurte lösen, den Balken stabilisieren und schließlich abspringen konnte. Es ist ein unglaublicher Prozess, bei dem man kniffelige Schnallen durch schwerfällige Handschuhe lösen muss. Es ist eine Sache, das Ganze einen Meter über dem Grund in einem Schuppen zu machen, jedoch eine ganz Andere an einem Bergkamm bei 20km/h über einem 50-Grad-Hang.

Xavier de le poo your pants

“Auf den beiläufigen Beobachter können seine wilden Augen und die plötzlichen Ausbrüche von akzentbeladenem Englisch und irrem Gelächter den Eindruck eines Verrückten machen.”

Im Laufe des Tages klarte der Himmel auf und der Wind blieb ruhig. Es war, als hätte eine unvorhersehbare Kraft einen sanften elektrischen Strom durch das Camp gejagt. Jeder wurde vom Adrenalin der Anderen hochgeschaukelt – alle außer Christophe Blanc Gras, dem Piloten. Er sieht für alle wie eine jüngere, französische Version von Doc aus Zurück in die Zukunft aus. Der Haarschopf ist blondes, unbändiges Haar, das von allen Ecken seines Kopf zu Bergen steht (selbst wenn er einen Balaclava trägt) und, auf den beiläufigen Beobachter, können seine wilden Augen und die plötzlichen Ausbrüche von akzentbeladenem Englisch und irrem Gelächter den Eindruck eines Verrückten machen.

Aber, als jeder hibbelig vor Aufregung wird, bleibt Christophe vollkommen ruhig. Seine Rolle trägt die größte Verantwortung. Er muss Sam, Ralph und Xavier an den richtigen Ort, zur richtigen Zeit bringen; alles was sie tun müssen, ist zu springen. Er muss den riesen Tandem Schirm dann zurück zur Erde befördern, und zwar mit nur einer Person darin, in einer turbulenten, sich konstant verändernder alpinen Umgebung. Seine Position ist also isoliert – im Gegensatz zu den Ridern hat er keine Kumpanen, mit denen er sich besprechen kann, er muss also die richtigen Entscheidungen treffen. Ich beobachte ihn dabei, wie er sich vom lockeren Chef zum Piloten, der die Verantwortung über das Leben anderer trägt, wandelt.

Um 2 Uhr Nachmittags ist alles an seinem Platz. Christophe hat 40kg Motor und Treibstoff auf seinen Rücken und 60kg schweizer Alpinist und Skifahrer auf seiner Vorderseite angeschnallt. Die Lines sind pingelig genau platziert und als Christophe das Signal gibt, ziehe ich am Motorstartseil und er erwacht zum Leben. Der Gasgriff ist an Christophe’s Zeigefinger angebracht und er tippt es an und nickt; ich greife den Balken und sprinte unsere provisorische Laufbahn hinunter. Das ist der kritische Moment – der Schirm muss sich über ihnen aufblasen bevor Christophe den Strom anwenden kann. Der Schirm fliegt auf und nach einem kurzen Blick nach oben, zieht Christophe die Leine und sie sind weg.

“Sam hängt ungesichert von der Vorderseite des Geschirrs, der Schnee rutschte unter ihm weg und er schaukelt zuerst nur ein paar und dann hundert Meter über dem Gletscher darunter.”

Sie brauchen weniger als 10 Minuten, bis sie den Kamm erreichen. Sie beginnen tiefer entlang des Sattels zu gehen, aber die Lines unter ihnen gleichen Hexenfingern. Es ist auf jeden Fall kein sanfter Start. Nach einem Richtungswechsel des Windes und drei Testläufen fliegt Christophe tief, und ich kann Sam dabei beobachten, wie er sein Gewicht für den Sprung nach vorne verlagert … aber er steigt nicht aus dem Sitz. Stattdessen hängt er ungesichert von der Vorderseite des Geschirrs, der Schnee rutschte unter ihm weg und er schaukelt zuerst nur ein paar und dann hundert Meter über dem Gletscher darunter. Sam kletterte schon länger als der Ski fuhr und ist einer der angesehendsten Alpinisten der Welt; du kannst dir sicher sein, dass sein Stärke zu Gewicht Radius dem einer Ameise gleicht, was ihm in diesem Fall wahrscheinlich das Leben gerettet hat.

Ordentlich im Sattel festhalten

Der Ausdruck auf Sam’s Gesicht, als sie landeten, gab nicht preis, dass er sich in unmittelbarer Lebensgefahr befand. Christophe auf der anderen Seite sah etwas mitgenommener von dem Ereignis aus. Die folgende Nachbesprechung offenbarte, dass Sam’s pack sich verfangen hatte. Das bewog Xavier dazu, den pack stehen zu lassen, als Christophe den Schirm nachstellte. Neun Tage Down Time, zwei Tage Lebensmittelvergiftung und dann geradeaus in die Action rein.

Innerhalb von einigen Minuten war der Paramotor in der Luft, zurück in Position und schoß über den Kamm. Beim dritten Pass sprang Xavier.

Es war unvermeidbar und doch unglaublich, fast wie im Märchen. Xavier hing für eine Sekunde in der Luft, etwas umständlich, da er von der sitzenden in die fahrende Position wechselte, und dann setzte das Tail des Boards auf dem Punkt der Bowlingkugel des Hangs auf. Er benutzte den Moment des Drops dazu, all die Frustration und Unsicherheiten des letzten Monats herauszulassen und formte sie in einen riesigen Turn auf eine Spine. Inmitten der Aufregung in unserem Camp, entfuhr sogar dem Regisseur Guido, ein wunderbar trockener und reservierter Mann, der schon alles gesehen hatte wenn es um Berge ging, ein Whoop.

Für Xavier de le Rue, ist das hier Para-Normal Activity

“Xavier hing für eine Sekunde in der Luft, etwas umständlich, da er von der sitzenden in die fahrende Position wechselte, und dann setzte das Tail des Boards auf dem Punkt der Bowlingkugel des Hangs auf.”

Uff.

Mit dem gebrochenen Siegel überrollte alle eine Welle der Erleichterung. Das Unbekannte wurde plötzlich vertraut, trotzdem neu, aber die Spannung war wie weggeblasen. An seinen Platz trat ungebändigte Aufregung und ein Gefühl von Möglichkeit. Sam und Ralph warteten auf Chrisophe’s Rückkehr wie Kinder auf eine Achterbahn. Sam war als nächster dran und kopierte De Le Rue’s Heldentat mit seiner eigenen Line. Dann war Ralph an der Reihe.

Das Erste, was an Ralph auffällt, ist seine Größe: er ist riesig, so weit und breit wie ein Amboss, der Stärke und Kraft ausstrahlt. Es ist sehr selten, dass man auf einen professioneller Snowboarder mit Ralph’s Statur begegnet; heutzutage tendieren Rider dazu eher leicht und drahtig wie Nicolas Müller, oder kleine und explosive Superbikes wie Sven Thorgren zu sein. Aber Ralph ist weder noch; im Vergleich dazu ist er ein Truck – er hat Schenkel wie Stahlträger und Schultern wie Wassermelonen. Es ist keine Statur, die man unmittelbar mit der Gabe zu Fliegen verbinden würde.

Christophe bereitet alles vor und Ralph geht nervös in Position. Christophe gibt ein paar Ratschläge aber hauptsächlich konzentrieren sich beide auf die eigenen Zuständigkeiten. Der Schirm bläst sich auf als sie abheben aber Ralph verpasst den Moment sich zurückzulehnen, und als sie den Boden verlassen hängt Ralph kurzerhand vorne aus dem Geschirr. Er ist immer noch angeschnallt, also befindet er sich in keiner wirklichen Gefahr, aber es ist eine ernüchternde Erinnerung daran, dass dies das erste Mal ist, dass Ralph jemals unter einem Schirm geflogen ist und er dann auch noch tatsächlich versuchen wird, daraus zu springen.

“Es ist das erste Mal, dass Ralph unter einem Schirm geflogen ist und dann versucht er auch noch tatsächlich, daraus zu springen.”

In den Schatten des Valley of Death

Unbeeindruckt beginnt das Prozedere von Neuem und beim zweiten Mal funktioniert es perfekt, obwohl man die Belastung durch das zusätzliche Gewicht am Triebwerk des Paramotors deutlich hören kann. Sie benutzen die selbe Bergwand und Christophe bringt Ralph über einer neuen Line in Position – dieser springt, landet und vollendet die Line.

Zurück im Camp herrscht Euphorie. Die riesige Investition von Zeit, Geld und Energie hat sich ausgezahlt; egal, was jetzt passiert, die grundlegenden Elemente des Films sind im Kasten. Es gibt eine zwanzig-minütige Wartezeit als die Jungs zurück durch das Tal touren, aber ich kann Xavier’s Grinsen auf einen halben Kilometer Entfernung sehen. Ich hatte eine Feier und zumindest eine kurze Verschnaufpause erwartet, aber stattdessen erklärte Xavier, dass das erst der Anfang war. Das ist der Unterschied zwischen Xavier und den meisten normalen Menschen – er ist nie zufrieden.

Der Pilot durchsucht seine Tschen nach den obligatorischen Flug-Erdnüssen für seinen Passagier.

I

Ich musste an diesem Abend abreisen; meine Zeit mit der Crew neigte sich dem Ende zu und ein Sturm würde ohne Zweifel die Verbindung zum Camp kappen. Aber als ich packte, beobachtete ich das Team dabei, wie sie die Heli Drops nachstellten. Christophe übersetzte jeden Rider auf eine Schulter, wo sie zuerst die Taschen niederließen und dann auf ein Plateau kamen, bereit den Gipfel zu besteigen.

Die Geschwindigkeit, mit der die Crew mit dieser neu gewonnenen Fähigkeit Fortschritte machten erinnerte mich an etwas, das Melody Sky, einer von Xavier’s Business Partnern der Timeline Productions in Verbier mit einmal gesagt hatte: „Xavier ist ein Geschäftsmann der Natur.“

Das ist sowohl im mentalen als auch im physischen Sinne wahr. Xavier hat ein wunderbar kleines Ego kombiniert mit einem aufgeschlossenen Geist und einem Hunger nach Fortschritt, was bedeutet, dass er jede mögliche Lösung zu einem Problem, dem er gegenübersteht in Erwägung zieht. Sowohl Sam als auch Ralph haben so einiges mehr zu geben, aber mit seinen fortgeschrittenen Jahren (zumindest im Feld des Action Sports) werden unvermeidliche Fragen nach Xavier’s Vermächtnis gestellt. Sicher ist, dass es weite Spekulationen darüber gibt, dass dieses Projekt sein Magnum Opus darstellen könnte. Ich persönlich hoffe, dass dem nicht so ist. So kühn und herausfordernd Xavier war, als er dieses Ziel zu erreichen versuchte, ist das Potential nur der Anfang. Er hat jetzt ein Set an Fähigkeiten und ein neues Level an Erfahrungen gesammelt, die die Limits von Big Mountain Riding komplett neu definieren könnten.

“Xavier hat jetzt ein Set an Fähigkeiten und ein neues Level an Erfahrungen gesammelt, die die Limits von Big Mountain Riding komplett neu definieren könnten.”

“Ralph, was denkst du denn so über den Paramotor?” “Großer Fan!”

“Der Paramotor bietet eine neu gewonnene Freiheit auf einer Skala, die sich Big Mountain Rider bisher nicht zu erträumen wagten.”

Es wird nicht über Nacht passieren. Die Realität ist natürlich, dass du ein sehr talentiertes und mutiges Team an Menschen brauchst, die ein unglaubliches Set and Fähigkeiten mitbringen müssen, um überhaupt daran denken zu können, diese Art von Abenteuer Wirklichkeit werden zu lassen. Aber die Menschen werden unvermeidbar diesem Beispiel folgen, denn die einzigen Grenzen sind Wind und Fähigkeiten. Die ökonomische Erschlossenheit, die entsteht, wenn man weniger als einen Liter Treibstoff alle zwanzig Minuten verbraucht (im Gegensatz zu 2000 pro Tag in einem Heli), der Mangel an Bürokratie, der man bei dieser Art zu fliegen begegnet und die Tatsache, dass, der Paramotor bei knapp unter 40kg unglaublich transportabel ist, bietet eine neu gewonnene Freiheit auf einer Skala, die sich Big Mountain Rider bisher nicht zu erträumen wagten.

Wenn du es nicht bereits getan hast, schau dir Degrees North an, denn so beeindruckend das auf diesen Fotos und dieser Erzählung war, es mit eigenen Augen anzusehen wird nicht enttäuschen, das verspreche ich.

Ich bin ein Anhänger der Geschichte. Ich schätze gute Geschichten und liebe es, sie zu erzählen. Diese ist eine der Besten, die ich habe und ich weiß das, denn für eine Nacht in diesem Pizza Restaurant, war ich der König auf einem Tisch mit einigen der höchst angesehendsten Snowboarder unserer Zeit.

Ralph droppt in die Klippe

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