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Special

United Transitions

Seien wir doch mal realistisch. Der Sommer ist viel zu heiss, viel zu lange und noch dazu eine gemeine Konjunkturbremse. Zumindest für alle Angestellten der Snowboardindustrie. Und zu denen zählen – auch wenn es mancher nicht immer wahrhaben will – nun auch mal die Pros dieser Welt. Schön, wenn dann Shredder wie Friedl Kolar, Ile Eronen, Iouri Podladtchikov und Stefan Fankhauser aus der Not eine Tugend machen und neben dem Schnee auch auf Asphalt respektive Holz ihren Pro stehen. Denn eigentlich sind Snowboarder doch die besseren Skater – wenn man sie nur lässt.

Kaum ein Sport ist so Saisonabhängig wie unserer. Und kaum ein Sportler ist so gebunden an das Wetter wie ein Snowboard Pro. Der Schnee kommt meist spät im Winter, und wenn er dann fällt – was, wie im Falle Saison 2006/07, auch nach hinten losgehen kann – muss alles Hals über Kopf gehen. Reiseziele festlegen, Fotografen und Filmer zusammentrommeln, um mit der Gunst der Stunde das nötige Material für den Filmpart oder die Story im Magazin zu produzieren. Und ehe die Alpen, Japan und Alaska auf der To-Do Liste abgehackt sind, steht schon der Frühling auf dem Plan. Dann hält Torschlusspanik Einzug und jeder versucht, aus dem noch so kleinen Rest Schnee größtmöglichen Ertrag rauszuholen. Für andere Hobbies bleibt in dieser hektischen Zeit kaum Platz. Außer man verbindet den Spaß mit dem Nützlichen.

Deswegen war Anfang April die Zeit reif, die Skater unter den Snowboardern rauszukitzeln – den Beruf mit dem Hobby zu verbinden. Wer macht in unseren Breitengraden eigentlich genauso eine gute Figur auf dem Brett mit den vier Rollen wie auf dem Snowboard? Doch wie kann man beide Brettsportarten und deren Protagonisten sinnvoll vereinen? Einen In-City Snowboard Contest mit einem Skate-Contest verbinden? Alles schon da gewesen! Die verstaubten Snowskates aus dem Keller holen? Interessiert keinen mehr! Nein, die Lösung für unser Experiment lag quasi vor der Haustür, zwei Stunden Autofahrt von München entfernt. Mit einer vorausschauenden Ader hatten die Macher vom Absolut Park in Flachauwinkl letzten Herbst das Chill House auf ihren Berg im Salzburger Land gebaut. Was sich nach Kifferbude in Amsterdam anhört, entpuppt sich beim Blick durch die Glastüren als Skateheaven auf 1600 Metern. IOU Rampenbau Ikone Andreas Schützenberger durfte sich in der Halle nach Lust und Laune austoben und hat eine Kombo aus zwei Minirampen, mit Spine, Wallride und Extension, zwischen die Säulen gezimmert, die jedem Jünger der Transition das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Hier wurde mit Holz, Stahl und Rundungen geprotzt. Und das Sahnestück der ganzen Geschichte: direkt vom Ausgang des Chill Houses weg schippert ein 6er Sessellift die Parkkids zum Einstieg vom 1 Kilometer langen Absolut Park. Heißt im Klartext, vormittags eine gemütliche Slushsession in der 2007er Frühlingshitze, und zum späten Nachmittag hin wird noch mal in der Minirampe geschwitzt. „Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen“ würde ein Neunmalklug hier dazwischenwerfen. Wir sagen, genau richtig, um rauszufinden, wie sich mit Friedl, Ile, Iouri und Stefan die Vereinigung von Skaten und Snowboarden vollführen lässt.

United Shredders
Friedl Kolar
, ein Ästhetiker der ersten Stunde, mit Leib und Seele Snowboarder und Zillertaler. Ein pragmatischer Kerl, der neben seinen Boards nicht viel braucht, um glücklich zu werden. Wenn er losgelassen wird, zerlegt er die Obstacles, die ihm in den Weg gestellt werden, mit einer schier unbändigen Motivation und dem Hang zur Hyperaktivität. Immer auf der Suche nach was neuem, immer dahinter seine Kollegen bei einer Session noch mehr zu pushen. Und wenn seine große Leidenschaft Skateboarding ins Spiel kommt, tritt in seine Augen dieses seltsame Leuchten, wie bei einem kleinen Jungen.

Der Schweizer, der eigentlich ein Russe ist. Iouri Podladtchikov ist eine Art helvetisches Pendant zu Shaun White – zumindest noch im kleineren Maßstab. Ein junges Ausnahmetalent an Snowboarder, der von seinen Sponsoren auch die Unterstützung beim Skaten innehat. Wenn man ihm auf einem der beiden Boards begegnet, ist es ziemlich schwer zu unterscheiden, ob jetzt ein Skate- oder Snowboard Pro an einem vorbeirollt. Ein geschmeidiges Kätzchen, das immer auf den Füßen landet. Locker flockig lupft er seine ausgefallenen Tricks über Kicker und Coping.

Finnische Mentalität könnte als Synonym für ruhig, zurückhaltend und besonnen herhalten. Aber, nehmen wir einfach mal an, in jedem Finnen gibt es so eine Art Schalter, und wenn der umgelegt wird, dann gehen die Synapsen in den Modus 0 auf 100 – egal ob auf einer Party oder beim shredden. Ile Eronen ist ein Musterbeispiel für die finnische Mentalität. Auf dem Snowboard wie im richtigen Leben hält er sich anfangs lieber im Hintergrund und beobachtet die Szenerie. Sich in den Mittelpunkt zu stellen missfällt ihm ebenso wie mit Sprüchen dick aufzutragen. Dass er sich dadurch in einer Szene, in der dick auftragen und protzen zum Tagesgeschäft gehört, nicht immer wohlfühlt und deswegen zurückzieht, ist mehr als verständlich. Doch immer wieder steht plötzlich ein Ile vor der Tür und gibt zu verstehen, dass er Bock auf eine Session hat. Diesmal mitsamt seinem Rollbrett. Mehr Underdog geht nicht.

Von Stefan Fankhauser hatten wir bis zum Tag seiner Anreise in Flachauwinkl nur wenig gehört. Wir wussten, er kommt aus Tirol, und die Tatsache, dass er von Friedl gepusht wird, kann nur für seine Skate- und Snowboardskills sprechen. Der Österreicher, der eigentlich als Koch seinen Lebensunterhalt bestreitet, machte bis dato aber auch mehr in Skateboardmagazinen als in Snowboardheften auf sich aufmerksam. Seitdem aber Forum zu seinen Sponsoren zählt, dürfte sich das in Zukunft ändern.

Erstaunlich an der ganzen Geschichte, alle vier unserer Protagonisten sind auf dem Skateboard groß geworden, Snowboarden trat erst später ins Leben von Friedl, Iouri, Ile und Stefan. Daraus lässt sich entweder schließen, dass alle Snowboarder als Skater das Licht der Welt erblicken oder aber, Snowboarden ist um einiges einfacher als Rollbrettfahren, und deswegen ist es auch leichter damit Erfolge einzufahren. Zumindest stellte sich in Flachauwinkl heraus, dass alle vier das Potenzial hätten, auch auf dem Skateboard ihre Brötchen zu backen.

United Transitions
Keinen Tag später hätte unsere Session beginnen dürfen. Unter der 30 Grad heißen Frühlingssonne schmolz uns das kostbare Weiß buchstäblich unter den Boards weg. Die Zeichen standen auf Saisonende. Jetzt war Kreativität gefragt. Aus den Obstacles, die vom Spring Battle übrig geblieben waren, shapten wir mit tatkräftiger Unterstützung von Seppi Harml und seiner PS-starken Pistenraupe die erste Transition in die gewünschte Form. Man stelle sich eine 1 Meter breite Minitrannie vor, die in ein 5 Meter hohes Maibaumimitat übergeht. Landungen links, rechts und hinter der Quarter sollten aus gesundheitlichen Gründen tunlichst vermieden werden. Das führte bei den ersten Versuchen unserer Teilnehmer auch zu diversen lustig, wackeligen Abgängen. Bei Iouri merkte man deutlich seine Affinität zu smoothen Rundungen. Einen massiven Tailgrab Fakie nach dem anderen stellte der Buntspecht in den Buttersulz. Friedl ging ebenso souverän mit unserem Maibaumverschnitt um. Melon to Fakie hieß seine Spezialität. Stefan und Ile hatten da mehr mit ihren Frontside Airs zu kämpfen. Den nötigen Biss nahm Stefan dann doch ein bisschen zu wörtlich. Mit einem Hang up am Coping beendete er nicht nur die Tree-Quarter Session, sondern pflanzte sich auch noch gekonnt das Knie in die Unterlippe. Das erste Obstacle hatte seinen Blutzoll gefordert.

Keine 10 Meter weiter wartete die nächste Trannie auf ihren Shape. Ebenfalls eine Miniquarter – diesmal aber dreimal so breit wie Nr. 1 -, die wir mit zwei aufgestellten Plastikcouches auf dem Coping verschönerten. Prädikat: Handplant approved. Jetzt musste nur noch ein Freiwilliger gefunden werden, der die Kanapees daran hindert, dass sie gleich bei der ersten Windböe ans Umfallen denken. Seppi war unser Mann. Stark, stämmig, stoisch. Bis dann Herrn Eronen die Pferde durchgingen und er im Abflug über die Couch den Seppi gleich mitnahm. Der entging nur haarscharf dem berühmten Kantebiss. Verständlich, dass sich unser Bankdrücker danach immer zweimal absicherte, ob der Ile schon wieder am Drop In steht. Der nahm sich den Zwischenfall nicht ganz so zu Herzen und startete zusammen mit Iouri die ersten Handplants. Damit wurde dem Wort „Session“ mehr als Genüge geleistet. Und plötzlich wie aus dem Nichts hantelte der Ile nach einigen verpatzten Versuchen einen astreinen Andrecht Plant aufs Plastik. Boom. Mal wieder typisch Underdog! Damit war auch Transition Nummer zwei abgehackt.

Die letzte „Transition“ im Schnee war eigentlich keine. Außer jemand will sich soweit aus dem Fenster lehnen, zu behaupten, ein Wu Kicker gehe in Richtung Trannie. Denn selbiger war 50 Meter bergauf von Seppi und seinem Pistenbully auf den ehemaligen Tabletop des Spring Battle Kickers zusammengeschoben worden. Aber Wu alleine wäre langweilig. Die Jungs wollten bonken! Deswegen schaufelten wir mit gemeinsamen Kräften eine Art Pyramide zwischen Kicker und Landung, auf die wir als Spitze einen abgesägten Baumstamm hievten. Bei soviel Holz vor der Hütt’n kann unser ungewöhnlicher Aufbau nur funktionieren. Ob dem wirklich so sein würde, musste der erste Hit zeigen. Mit einem zweifelhaften Blick stapfte Friedl Richtung Drop in. Mit dem Arsch will wohl keiner auf dem Pfosten landen. Eine Prise Salz in die Anfahrt und los geht der Spaß. Hier bewies sich mal wieder die Routine eines Ästhetikers. Als hätte er den ganzen Tag nichts anderes gehittet, überfliegt Herr Kolar locker die Pyramide samt Fichtenstumpen. Das überzeugte den Rest der Truppe. Jetzt wollte jeder das Holz bonken. Doch hier war Feingefühl gefragt. Denn einmal zu fest berührt, würde der Pflock abstürzen wie ein nasser Sack. 20 Minuten hielt der Vorsatz der Vorsicht, dann wurden die Hoffnungen auf Shots von Friedl in den Abgrund geschickt. Doch was wären schon vier Sixpacks im Tanktop, wenn die nicht mal ein Stück trockenes Holz in den Himmel heben könnten. Gesagt getan, die Session konnte weitergehen. Nachdem sich Stefan bei seinem ersten Hit in ziemlicher Schräglage auf dem Rücken in die Landung gelegt hatte, ging er direkt in die Offensive über und legte mit smoothen Bs 180ies Melongrabs seinen Grundstein für die erfolgreiche Pyramidenbezwingung. That’s my boy! Das fortgeschrittene Abendrot kündigte an, was als nächstes auf dem Plan stand. Skate or die, ab in die Minirampe. Die Kugellager sollen rauchen. Als wir vor dem Chill House die letzten Sonnenstrahlen zur Energiegewinnung aufsogen, kam Friedl aber mit dem Einwurf, dass die Plastikcouchen, auf denen die Jungs rumlümmelten, nicht nur zum chillen geeignet seien. Er hatte die Vision von einer Couch-Reihe, davor einen kleinen Take Off geshapet und One Foot drüber gejuckt. Und Friedl’s Credo lautet: gedacht, gesagt, getan. Wenn man bedenkt, dass er dann nach drei Versuchen quasi aus dem Flat über 4 Plastikbänke einen Benihana zog, konnten wir uns schon ausmalen, wie seine Ollies in der Minirampe aussehen würden. Und die wollte auch endlich ihren Teil des United Transitions Kuchen abbekommen.

Jetzt kam die Stunde der Wahrheit. Würde unsere Annahme, dass wir hier nicht nur Snow-, sondern auch Skate-Asse am Start hatten, aufgehen? Die erste halbe Stunde bestand erstmal draus, die müden Beine zu remotivieren und sich konstant aber gemächlich mit der Transition im Chill House anzufreunden. Von Minute zu Minute konnte man bei den Jungs beobachten, wie sie besser mit der Rampe zurechtkamen. Und plötzlich entstand ein unglaubliches Bild, als die Tannenwipfel durch das überdimensionale Panorama Fenster, das sich wie ein Schiffsrumpf vom Flat zur Decke zieht, in ein mattes Abendrot getaucht wurden. Wir wollen ja nicht kitschig werden, aber es hatte schon was Erhabenes, in dieser verlassenen Bergidylle Friedl, Iouri, Ile und Stefan bei ihrem Minirampen-Jam zuschauen zu dürfen. Dieser Gefühlstaumel setzte sich bei der Vierer-Session fort. Und hier beim Skaten traten die Unterschiede und die Individualität der Charaktere am deutlichsten hervor. Während Friedl den Mosher raushängen ließ, Melon to fakies in Brusthöhe bombte und wie eine Dampflok die Copings durchgrindete, ging Iouri die Sache zwar ruhiger, aber dafür mit einem unglaublichen Trick Repertoire an. Er pushte sich selbst so sehr mit seinen Airwalks to Fakie, Cab 360ies über die Spine und diversen anderen Unverschämtheiten, dass er als krönenden Abschluss doch tatsächlich noch den drei Meter hohen Wallride mit einem Nosepick entjungferte. Wieso sieht das bei ihm alles so einfach aus?!

Stefan wiederum setzte sein technisches Streetskaten in die Transition um. Zwar fühlt er sich auf hartem, ehrlichem Asphalt wohler, das hinderte den jungen Mann aber nicht daran, plötzlich dicke Frontside Flips übers Coping zu lupfen. Flip it like it’s hot! Unser ruhiger Finne fing mal wieder ganz zaghaft an, rollte sich langsam warm und brachte die Meute zum jaulen, als er seine One Foot Frontside 5-0’s, Backside Lipslides und Frontside 5-0 Crail’s auspackte. Da ging einem ein Kribbeln durch die Fußsohlen! Und die Jungs hielten nach diesem langen Snowboard-Tag länger auf dem Skateboard durch als erwartet. So eine Session beendet man aber auch ungern! Die Sonne hatte sich schon längst hinter den Gipfeln verzogen, als die Beine dann doch zu schwer wurden. Man soll es ja nicht übertreiben.

Ein Sporttag mit Seltenheitswert. Die Rechnung unseres Experiments ging voll auf. Zwar geht so ein Tag aus Snowboarden und Skaten derbe an die Substanz, aber zum Schluss kamen alle zu einem gemeinsamen Resümee: United Transitions funktionieren – wenn man sie nur lässt!

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