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Interviews

Xavier de la Rue

Big Mountain Riding ist die Königsklasse des Snowboardens. Nicht zuletzt, weil das Backcountry unberechenbare Gefahren birgt. Craig Kelly, Tristan Picot, Gilles Voirol und Tommy Brunner, einiger der Besten ihrer Zunft, fielen diesen Gefahren zum Opfer und verloren ihr Leben durch Lawinenabgänge. 13 Tage nachdem er in Verbier zum Freeride-World Champion gekürt wurde, verunglückte auch Xavier de la Rue am 28. März beim im Unterwallis. Während der Dreharbeiten zu „Aesthetica“ dem neuen Standart Film, löste sich der komplette Hang unter Xavier und riss ihn mit in die Tiefe. Wer die Aufnahmen in „Aesthetica“ sieht, wird nur den Kopf schütteln. Denn wie durch ein Wunder überlebte der 28-jährige Franzose fast unverletzt.

Hi Xavier! Wie fühlt es sich an im Second Life?
Ich weiss zwar nicht ob ich von einem zweiten Leben sprechen möchte, aber ich habe mir nach dem Unfall natürlich einige Gedanken gemacht. Ich habe mir viel Zeit genommen um mein Leben umzustellen. Es wäre ziemlich dumm nach einer fast tödlichen Erfahrung einfach weiterzumachen wie zu vor.
Diese Erfahrung lässt mich das Leben mehr geniessen, besonders die Zeit mit Familie und Freunden.

Und dann dachtest Du dir jetzt bloss keine Zeit mehr verschwenden, bist nach Kenia geflogen um deine Freundin Victoria zuheiraten?
Könnte man fast vermuten, aber wir wollten schon vor dem Unfall. Uns bot sich die Gelegenheit stressfrei und ohne gesellschaftliche Zwänge in Kenia zu heiraten. Also sagten wir „auf geht’s!“ und nun sind wir Mann und Frau. Yeah!

Fass doch noch einmal zusammen was genau an diesem Tag passiert ist und welche Vorbereitungen du getroffen hast, bevor du in die Line gedroppt bist?
Es war der zweite Tag an dem wir mit dem Heli in dieser Gegend filmten. Die Umstände hätten eigentlich kaum besser sein können. Wir wussten aber, dass es nach den warmen Februarwochen und dem vielen Neuschnee danach, eine instabile Schicht im Schnee geben würde.
Aber an diesen zwei Tagen ist uns nichts Aussergewöhnliches aufgefallen. Wir fühlten uns ziemlich sicher, hatten mit kleineren Lines angefangen und eine super Zeit gehapt. Dann entdeckte ich diese grössere Line. Wir waren bereits 3 Runs auf ähnlichen Hängen mit gleicher Ausrichtung und Neigungswinkel gefahren, da habe ich nichts Schlimmes befürchtet.

Klingt als ob du dich ziemlich sicher gefühlt hast. Sollte man nicht trotzdem immer einen Plan B in der Reserve haben?
Normalerweise suchst du dir deine Line raus, wirst vom Heli abgesetzt und hast ein paar Minuten um dich mit der Line vertraut zu machen. Da sucht man nach Stellen, die sich als Notausgang eignen.
Der Unterschied an diesem Hang war, dass es keinen solchen Punkt gab, Filmer und Fotograf sassen also im Heli und warteten. Eine Flugstunde ist wahnsinnig teuer und wir wollten keine Zeit verlieren. Ich schloss nur schnell die Bindung und fuhr los.
Und genau da lag der Fehler: Ich hatte nicht die zwei Minuten, um mich mit der Line auseinanderzusetzen und um ein Feeling für den Run zu bekommen.

Denkst du heute, dass du dich mit mehr Zeit anders entschieden hättest?
Nein, ich glaube nicht. Nach meinem ersten Turn löste sich zwar so ein kleines Schneebrett, wo die oberste Schicht riss. Da es mir aber harmlos erschien und das Face nicht sonderlich schwer war, entschied ich nicht den Notausgang zu nehmen, sondern gab Gas.

Du wolltest dem Ganzen mit einer Straight Line entkommen?
Ja, es wurde zwar etwas scatchy als ich über ein paar Felsen raste, da ich aber einen guten Vorsprung vor dem Schneebrett hatte, entschied ich mich weiter zu fahren. Normalerweise wäre ich damit auch richtig und sicher gelegen. Doch dann passierte das Unerwartete: Die kleine Lawine lies den ganzen Hang auseinander brechen. Überall begann sich der Schnee zu bewegen.

Hast du an diesem Punkt immer noch gedacht, dass du da heile raus kommen würdest?
Alles brach zusammen, so weit mein Auge reichte. Ich war zwar schon verdammt schnell, wusste aber sofort, dass es nicht genug Speed war um auch hier wieder raus zu kommen. Nun bestimmte der Berg was passierte. Mir blieb nur noch meinen ABS-Rucksack auszulösen und zu hoffen. Alles passierte tierisch schnell und ich war in einer riesigen Waschmaschine gefangen.

Gab es einen Punkt an dem du gedacht hast „das war’s“?
Ja schon, aber eigentlich hat man überhaupt keine Zeit an irgendwas zu denken. Die Lawine war so gewaltig, sie lies mir keine Zeit zum Nachdenken oder Reagieren.

Hast Du bewusst mitbekommen wie dich der Schnee begraben hat?
Nur noch wie es anfing. Ich wurde mitgerissen, löste meinen ABS Rucksack aus und nach zwei oder drei Überschlagen verlor ich mein Bewusstsein. Ich kann es nur als eine überdimensionale Waschmaschine beschreiben.

An was kannst du dich nach dem Waschgang erinnern?
Ich dachte ich wäre verschüttet gewesen. Im Krankenhaus aber erzählten sie mir, dass ich obenauf mit dem Gesicht im Schnee lag. Ausserdem erinnere ich mich an den Lärm des Helikopters und ein paar Gesichter. Wegen des Sauerstoffmangels war aber alles total verschwommen.

Wie lange musstest du dann im Krankenhaus bleiben?
Gar nicht lang, ausser den blutunterlaufenen Augen, einer Gehirnerschütterung und gedehnten Bändern im Knie hatte ich ja nichts.

Da man so viel Glück eigentlich nicht zweimal haben kann, stellt sich die Frage ob du in Zukunft etwas anders machen wirst?
Ich werde nichts an meinen Riding verändern, aber durch den Unfall ist mir erst bewusst geworden, dass ich auch mal „Nein“ sagen muss. Und das werde ich tun, sobald zu viel Druck auf mir liegt und die Umstände nicht passen. Wenn ich zurück blicke, war das oft der Fall. Nötigenfalls muss der Heli dann mal warten, ich werde mir meine Zeit nehmen.

Du wirst dir von aussen also keinen Druck mehr machen lassen?
Bei einer gut zusammen arbeitenden Crew, will man natürlich so effizient wie möglich sein, aber Druck lasse ich mir nicht mehr machen. Auch wenn ich dadurch 10% weniger Lines fahre, wird es die Qualität meines Footage am Ende der Saison nicht beeinflussen. Ich werde mich sicherer fühlen und das Footage besser werden.

Warst Du seitdem wieder auf dem Berg?
Als mein Knie wieder mitspielte war die Saison leider vorbei. Ich war im Sommer einmal in Les 2 Alpes das Knie zu testen, im Backcountry war ich noch nicht.

Hast du Angst wieder ins Backcountry zu gehen?
Angst nicht, aber es wird bestimmt komisch. Ich freue mich schon total darauf und kann es kaum erwarten. Durch den Unfall habe ich realisiert, dass ich noch viel zu lernen habe. Es gibt noch so viele Dinge, die ich erleben möchte. Ich bin noch lange nicht fertig und habe noch lange nicht das Level erreicht, um Befriedigt zu sein. Ohne den Unfall hätte ich das vielleicht nicht herausgefunden und hätte viel zu früh aufgehört.

Was würdest du anderen raten wenn sie ins Backcountry gehen?
Es kommt auf das richtige Equipment und die richtige Vorbereitung an. Der ABS Rucksack hat mir mein Leben gerettet. Anfangs wollte ich ihn nicht tragen, weil ich dachte, dass er mich beim filmen stört. Das ist aber Quatsch, man kann damit genau so fahren wie mit einem normalen Rucksack. Es ist ein grosser Schritt in Sachen Lawinensicherheit und jeder, der ins Backcountry geht, sollte ihn nutzen.
Für Big Mountain Riding braucht man eine Menge Erfahrung. Jeder sollte klein anfangen und sich Schritt für Schritt hocharbeiten.
Wenn man alle Regeln beachtet, ist es der geilste Sport der Welt. Big Mountain Riding ist die höchste Stufe des Snowboarden und um die Natur zu erleben.

Siehst du das Leben nun mit anderen Augen?
Naja, ich hatte Glück, verdammt viel Glück und habe eine zweite Chance bekommen. Man sollte seine Zeit nicht mit unnützen Dingen verschwenden und sich nicht zuviel ärgern, das kostet zu viel Kraft. Im Moment bin ich verdammt glücklich und „la vie est belle!“

Richtig, wie sollte es frisch verheiratet im Honeymoon auch anders sein. Wir wünschen Dir noch schöne Flitterwochen und einen sicheren Start in die Saison.

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