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Interviews

Dimitry Fesenko

Lange ist’s her, seit ein russischer Racker die Monster Session mit seiner selbstzerrstörerischer Railaction aufgemischt hat. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Zwar ist der Hang zum Masochismus geblieben, aber aus dem kleinen Racker ist ein grosser Junge geworden. Er hat Englisch gelernt, sich einen Haufen europäischer Freunde gesucht und realisiert, welches Potential in seinem Image als verrückter Russe im Badboy-Verschnitt steckt. Zwischen Wodka-Flaschen, heissen Ladys und fetten Railskills heizt er seither der europäischen Snowboardszene ein, und bereitet sie auf das vor, was sie in den kommenden Jahren noch an russischem Export zu erwarten hat. Eine Menge furchtloser, unberechenbarer und verflucht talentierter Hitzköpfe. Denn Russen sind härter im Nehmen, der Osten ist der neue Westen, und Vorurteile haben einen Namen: Dmitry Fesenko!

Dmitry, wie kommt ein russischer Junge zwischen dem Zusammenbruch der UdSSR und dem Aufbau der Russischen Föderation zum Snowboarden?
Nicht viel anders als ein Junge in einem Land ohne politische Unruhen. Mit vier Jahren fing ich mit dem Skifahren an und hatte schon früh ständig Stress mit meinem Trainer, weil ich nicht Slalomfahren sondern nur Rumspringen wollte. Als ich mit meiner Mutter einmal ein neues Paar Ski kaufen wollte, stand in diesem Shop ein Snowboard, also eher eine Art Monoski. Ich wollte das Teil aber unbedingt, und schon am nächsten Tag hittete ich kleine Kicker damit. In Moskau war Wintersport damals noch nicht so populär wie heute. Skifahrer waren bereits Ausnahmen, ich mit meinem Snowboard aber erst recht. Um 1994 gab’s in Russland vielleicht 100 Boards – alle total scheisse, aber zum Auschecken hat’s gereicht.

Wie war es, in Moskau aufzuwachsen?
Ich hatte eine schöne Kindheit und eine tolle Jugend, genoss eine gute Ausbildung und konnte viel Sport betreiben. Im Gegensatz zu vielen meiner Freunde bin ich nie rumgelungert oder war in illegale Geschäfte verwickelt. In Moskau dealen so viele Kids schon früh mit Drogen oder begehen kleinere Überfälle. Mit Koks, Ecstasy oder Heroin aufzuwachsen, ist hier fast normal. Ich hatte aber immer schon ein Ziel vor Augen und wollte etwas aus mir machen. Ich hatte einfach keinen Bock darauf, mir mein Leben von der Strasse versauen zu lassen.

Du warst beim Zusammenbruch der Sowjetunion 10 Jahr alt. Kannst du dich noch daran erinnern?
Nur wage. Ich weiss noch, dass wir uns vor der Wende unsere Lebensmittel immer zusammen sneaken mussten. Ich komme aus einer kleinen Familie, da war das kein Problem. Aber bei grösseren Familien… Die Läden waren ja alle leer! Es gab keinen Zucker, kein Salz – nichts, was das Leben hätte angenehmer machen können. Nach dem Motto „Der stärkere gewinnt!“ fingen die Leute an, sich selbst zu helfen. Ich glaube, in der Zeit vor 1992 hat’s in Russland so viele Morde wie noch nie gegeben. Man musste echt verdammt aufpassen, mit wem man sich einliess.

Hast du das als Kind mitgekriegt?
Nur am Rande, bei uns hat sich die Wende milder angekündigt. In meiner Klasse zum Beispiel gab es einen Jungen, der ziemlich hässliche Nike-Schuhe besass. Trotzdem war er total der Pimp, alle Mädels fuhren auf ihn ab. Und das bloss, weil er schäbige Nikes an den Füssen hatte.

Und wenig später warst du dann beliebt, weil du snowboarden konntest?
Schon, aber erst ab der Zeit, in der viele grosse Firmen anfingen, in die Snowboardszene zu investieren. Plötzlich hatte ich Sponsoren und durfte auf Contests fahren. Ab 15 bestand mein Leben nur noch aus Schule unter der Woche und Snowboarden und Feiern an den Wochenenden. Ich reiste mit meinen Kumpels durch ganz Russland – Party, Snowboarden, Lernen und wieder Party. Das war eine geile Zeit.

Und die Schule kam nie zu kurz?
Nein, eigentlich nicht. Nach der Highschool fing ich sofort mit meinem Chemiestudium an und war anfänglich auch ein ziemlich guter Student. Aber dann ab dem dritten, vierten Jahr ging’s abwärts, und ich wurde richtig scheisse. Meine Snowboardkarriere lief immer besser, und ich sah nicht mehr ein, wieso ich irgendwelche Dinge lernen sollte, die mich nicht interessierten. Also lernte ich nur noch für das, was mich im Leben weiterbringen würde, und die restlichen Fächer sneakte ich einfach. Dieser Jahr mache ich meinen Abschluss in Chemie und beginne nun mit Wirtschaft. Heute ist Snowboarden noch mein Beruf, aber was ist in 10 Jahren? Für diese Zeit will ich mich absichern, und schliesslich ist es für meinen Kopf auch nur gut, wenn er etwas arbeiten muss.

Ist es die russische Mentalität, die dich zum Studium neben dem Snowboarden anspornt?
Wahrscheinlich schon. In Russland weiss meine Generation, wie’s ist, nichts zu haben. Alle, die etwas im Kopf haben, versuchen etwas aus sich zu machen. Ich werde ja nicht zu diesem Studium gezwungen, sondern mache es, um etwas im Leben erreichen zu können. Dieser Drang ist in uns Russen wohl tiefer verankert als in Mitteleuropäer.

2002 hast du einen grossen Schritt für deine Snowboardkarriere getan und bist zum ersten Mal nach Mitteleuropa und zwar zu unserer Monster Session gekommen. Hast du damals schon damit gerechnet, je ein grosses Interview im MBM zu erhalten?
Ich muss leider zugeben, dass ich damals noch nie vom snowboarder MBM gehört hatte. In Russland kannte man zu dieser Zeit noch keine deutschen Magazine. Ich war mir gar nicht wirklich bewusst, was es bedeutete, auf die Monster Session fahren zu dürfen. Zudem sprach ich kein Englisch, ich kam als absolutes Greenhorn in die Schweiz. Dann traf ich all diese Leute. Professionelle Snowboarder, so was hatte ich zuvor noch nie gesehen und das hat mich total motiviert. Die Monster Session hat mir einen so fetten Tritt in den Arsch gegeben, ich wusste von da weg genau, dass ich Snowboard Pro werden will. Ich bin dem MBM also zu grossem Dank verpflichtet, danke!

Gern geschehn! Heute bist du in Europa nicht zu letzt über die Pirates tief verankert. Wie verlief deine vergangene Saison mit den Jungs?
Ich habe eine ziemlich beschiessene Filmsaison hinter mir. Im Dezember fing ich mit einigen Basis-Railshots in Moskau an, verletzte mich dann aber schon im Januar an den European Open und war dann für fast vier Wochen weg vom Fenster. Als ich wieder fit wurde, wurde das Wetter scheisse, und ich ging zurück nach Moskau, um für mein russisches Projekt zu filmen. Das war’s dann, mein Zeitplan ist überhaupt nicht aufgegangen. Ich konnte nicht halb so viel mit den Pirates filmen, wie ich geplant hatte.

Was dürfen wir von deinem Part in „Lubedence“ erwarten?
Hauptsächlich Rails, einige Shots aus dem Backcountry und etwas Park. Obwohl ich vor allem im Backcountry unterwegs war, habe ich mehr Railshots im Part. Meine Shots aus dem Backcountry gefielen mir vom Style her nicht, und deshalb wollte ich sie nicht drinnen haben. Checkt daher auch meinen Part im Burton Movie und mein russisches Projekt, dann bekommt ihr eher einen Eindruck von meiner Saison.

Was versteckt sich hinter diesem russischen Projekt?
Ich und meine Jungs von der Flammable Family (Dmitrys Crew aus Moskau; Anm. d. Red.) haben eine rein russische Filmproduktion gegründet, „Stereotactic Films“. Unser diesjähriger Film heisst „All Inclusive“. Wir waren vor allem in Kamtschatka, Kaschmir, Indien, aber auch in Europa und den Staaten unterwegs. Ein geiles Projekt, schade nur, dass die meisten der Fahrer in Europa noch völlig unbekannt sind.

Stichwörter „Europa“ und „unbekannt“. Welche Bedeutung nimmst du als Fahrer, der es nach Europa geschafft hat, für den russischen Nachwuchs ein?
Ich bin eine Art Vermittler zwischen den Fahrern auf der einen und den Firmen und Magazinen auf der anderen Seite. Russlands Nachwuchs hat echt Potential, und ich tu alles, um Jungs wie Viktor Teymurov oder Alexey Osa zu pushen und an die richtigen Leute in der Industrie zu bringen. Teil 2 müssen die Jungs aber selbst übernehmen. Sie müssen Englisch lernen und sich dann richtig verkaufen. Wenn das klappt, wird der Rest der Welt künftig von richtig fettem Snowboarden aus Russland überfallen.

Wie kommt es, dass du in Russland einen Bekanntheitsgrad geniesst, von dem Snowboarder hierzulande nur träumen können?
Ein Snowboarder in Russland hat von Anfang weg einen besseren Stand. Snowboarder zu sein, bedeutet Ansehen. Und zwar nicht nur innerhalb der Szene sondern auch in der Öffentlichkeit. Als Snowboarden in Russland noch etwas Unbekanntes war, war es noch krasser als heute. Ich hatte damals meine eigenen 10 Minuten in einer TV-Show, wurde ständig von einem Kamerateam begleitet und musste pro Jahr an die 200 Interviews geben. Mittlerweile hat sich das etwas normalisiert, ist aber immer noch viel extremer als in Europa. Obwohl die russische Snowboardszene viel kleiner ist, arbeitet sie professioneller und weiss sich besser zu verkaufen als jene in Europa.

Sind Russen also die besseren Geschäftsmänner als Mitteleuropäer?
Das kann man natürlich nicht verallgemeinern. Aber in Mitteleuropa wird oft vergessen, dass Snowboarden auch ein Showbusiness ist. Image ist so verflucht wichtig. Neben Talent und Können entscheiden unser Umgang mit den Medien und die Art, wie wir uns verkaufen darüber, ob wir Erfolg haben. Wahrscheinlich sind wir russischen Fahrer von unserem Lebensstil her interessanter, wir haben mehr zu bieten als „nur“ snowboarden. Und das wissen wir auszunützen.

Kannst du uns auch verraten, was wir Mitteleuropäer in Russland falsch machen, dass wir immer wieder in die Hände korrupter Polizisten geraten?
Erste Regel in Russland: Wenn du Geld hast, kannst du illegale Scheisse bauen, wenn du kein Geld hast, lass es! Ihr habt Geld, das ist euer Problem. Wir Russen wissen, wie wir zu unserer Kohle kommen. Wenn ich einen Bentley billiger will, dann bekomme ich ihn auch billiger. Diese Polizisten, die euch abzocken, verdienen ziemlich scheisse, und können über wohlhabende Touristen locker ihr Gehalt aufbessern. Wo aber kein Geld vorhanden ist, da suchen sie’s auch nicht. Gegenüber armen Leuten ist in Russland niemand korrupt. Illegale Geschäfte sind hier nur eine Frage des Geldes, man kann es sich leisten, kriminell zu sein, oder eben nicht. Und so läuft es auch bei alltäglichen Dingen wie der Zollkontrolle. Das ist Russland!

Und das muss man einfach hinnehmen, fertig?!
Was anderes bleibt einem nicht übrig. Aber was ist schon dabei, wenn sich der Reichtum auf diese Weise etwas verlagert? Wie gesagt, extra hohe Bussen müssen nur jene bezahlen, die es nicht kratzt, ob sie nun ein paar Dollar mehr oder weniger auf dem Konto haben. Die Korruption wird in den nächsten Jahren in Russland aber mehr und mehr zurückgehen. Putin versucht gerade, ganz Russland aufzuräumen. Ich hoffe, es gelingt ihm nicht. Ich könnte ohne Korruption nicht mehr leben.

Was machst du denn im korruptionslosen Europa?
Da ist’s grauenhaft! Grad vor kurzem war ich etwas zu schnell unterwegs und wurde gestoppt. Der Bulle war etwa im gleichen Alter wie ich. Fuck, wieso will dieser Depp Geld von mir, wenn er selbst genügend davon im Sack hat? Soll er sich doch davon was nehmen!

Was würde passieren, wenn du die russische Mentalität für einen Tag nach Europa verschleppen würdest?
Puh, wahrscheinlich würde man mich am Abend mit Handschellen abführen. Grad wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, tick ich öfters so richtig russisch aus, weil Europäer so verflucht schlechte Autofahrer sind. Wenn ich dann von der Polizei angehalten werde, versuche ich es sofort auf die russische Art und strecke den Bullen 50,- Euro entgegen. Der grösste Fehler in Mitteleuropa! Denn dann werfen sie dir sofort Korruption vor. Also, gib europäischen Polizisten niemals unaufgefordert Geld, auch wenn’s 100’000 Euro sind.

Dann passt du dich in Europa jetzt also an?
Ich bin mittlerweile 50 Prozent Russe und 50 Prozent Europäer. Ich dusche zwar nach wie vor jeden Tag und parfümiere mich. Ich bin Russe, ich will gut riechen. Ich gebe mein Geld für Freunde und in Bars aus, und bin nicht knauserig wie so viele Europäer. Auf der anderen Seite prolle ich in Europa aber auch nicht wie ein Russe rum. Ich fahre nur einen Ford Escort, denn meine europäischen Freunde würden es nie verstehen, wenn ich mit einem Bentley rumcruisen würde.

Den Pimp ganz abstellen geht aber doch nicht. Ich denke da an Mytia auf Partys: Die Wodka-Flasche in der einen und ein scharfe Braut in der anderen Hand.
Stimmt doch gar nicht! Ich bin kein Pimp, ich respektiere Frauen! Klar sieht man mich manchmal mit Drinks und manchmal mit Ladys. Aber schliesslich zwinge ich diese Frauen nicht, in meinen Armen zu sein. Wenn eine nicht will, lass ich sie auch. Aber hey, jedes Mädel will etwas mit einem Russen anfangen!

Wie hast du die Frauen in Europa rumgekriegt, als du noch kein Englisch gesprochen hast?
Mit meinen Augen! Der Blick und die Augen sind das wichtigste in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Ich wusste damals schon, wie ich mit meinen Augen flirten muss, um das zu bekommen, was ich wollte.

Erzähl von deiner schlimmsten Story mit einem Groupie!
Was ist eigentlich ein Groupie? „Groupie“ klingt so abwertend, diese Ladys verdienen mehr, ich liebe sie! Ausserdem sind alle Storys mit Frauen grossartig! In schlimme Geschichten bin immer nur ich verwickelt.

Wie zum Beispiel in die über deine mysteriöse Sammlung an gebrauchten Tangas?
Purer Bullshit! Ich habe von meinem Sponsor einmal einen Haufen Tangas als Give-Aways bekommen. Die habe ich dann an meine Ladys weitergeschenkt, das ist alles! Der ganze Müll über die Sammlung gebrauchter Unterwäsche ist europäischer Klatsch, nichts weiter!

Und was ist mit deinen Porno-Produktionen? Auch nur ein Gerücht?
Nein, das stimmt so in etwa zumindest. Von einer richtigen Produktion und echten Pornos kann zwar keine Rede sein, aber wenn ich gerade in Stimmung bin, und auch das Model einigermassen ausschaut, drehe ich zum Vergnügen schon ab und zu ein kleines Filmchen.

Wo liegt der Unterschied zwischen Porno- und Snowboardfilmdrehs?
Bei Snowboardmovies bin ich der Gefilmte, bei den Pornos filme ich. Ausserdem übe ich beim Snowboarden meinen Beruf aus, alles ist sehr professionell. Meine Pseudo-Pornos drehe ich aus höchstens ein bis zwei Winkel mit Freundinnen und wirklich nur zur Verarsche.

Hat Sex-Gott Dmitry noch irgendwelche Tipps an alle unbefriedigten Männer da draussen?
Vergesst all die blöden Regeln, wie wir uns gegenüber Frauen angeblich verhalten müssen! Sagt ihnen klipp und klar, was Sache ist, denn wie ihr wollen diese Frauen ab und zu auch einfach mal Sex. Nehmt mich zum Beispiel! Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur eine ziemlich strange Person. Keine Ahnung, wieso Mädels mich mögen sollten! Ich bekomme sie dennoch, und zwar nur weil ich ihnen ehrlich sage, was ich will. Denn sie wollen es auch.

Die frustrierte Männerschar bedankt sich für den Tipp, das MBM dankt für das Interview, und wem dankt Dmitry?
Meinen Eltern, für den riesigen Support. Meinen Sponsoren, den jetzigen und meinen früheren. Den Pirates, der Flammable Family und dem Basti vom MBM. Und jetzt darf ich keine Namen mehr nennen, denn ich würde sicher an die 1000 Leute vergessen. Also ihr alle da draussen, die ihr mich liebt oder hasst, danke!

Dmitry Fesenko
Geburtsdatum: 23.02.1982
Lebt in: Moskau, der Hauptstadt der Welt
Sponsoren: Burton, Red Bull, Nokia, Electric, DVS, Flammable Family
In Moskau bin ich: die Person mit der Kontrolle
Russische Rails oder alpiner Powder: heute Powder, früher Rails
Hört: Techno natürlich!
Entjungfert zu werden war: das Ende des letzten Jahrtausend
Heisse Mädels brauchen: Köpfchen und Schönheit
Was mir Angst macht: die Kontrolle über mein Leben verlieren zu können
Goofy oder Regular: Regular
Stance and Angle: k.A.; +18/ -9
Schuhgrösse: 8

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