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Interviews

Chris Sörman

Während in der unmittelbaren Nachbarschaft Schwedens Snowboard-Pros quasi am Laufband produziert werden, klagt der wirtschaftlich stärkste der skandinavischen Staaten über Rezession auf dem Talentmarkt. Die Auswahl an potenziellen Nachfolgern für Mosesson & Co. ist bescheiden und baldige Besserung ist nicht in Sicht. Wäre da nicht Chris Sörman aus dem schneelosen Süden Schwedens, der nun schon seit geraumer Zeit Interesse am höchsten schwedischen Snowboard-Thron anmeldet. Seit seinem Überraschungssieg bei den European Open in Laax 2005 hat Chris sein Können mit zwei fetten Videoparts bei Pirate Movies Productions unter Beweis gestellt und dabei immer wieder mit der Fähigkeit bestochen, Style und Technik mühelos miteinander zu verbinden. Drei Jahre nach seinem Durchbruch zieht Chris Sörman für uns Bilanz. Ein Gespräch über Spaß im Snowboarden, Frauen in Männertoiletten und misslungene Sled-Manöver im kanadischen Backcountry.

Chris, du stehst also auf frische Früchte?
Absolut! [lacht] Wobei ich dazu sagen muss, dass Anders Neuman, der Fotograf,die Idee mit den Früchten kam. Mir gefiel die Vorstellung, etwas Neues anderes auszuprobieren. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass es nicht so rausgekommen ist, wie ich es mir vorgestellt habe.

Bedenken, dass dir die Leute auf das Foto hin eine gewisse Homosexualität nachsagen könnten?
[lacht] Ich weiß, ich schaue echt schwul aus auf dem Foto… Aber was soll’s? Im Gegensatz zu so vielen anderen langweiligen Aufmacher-Portraits werden eure Leser an diesem Foto bestimmt hängen bleiben und wissen wollen, wer der Typ ist und was er zu erzählen hat. Dennoch kann ich hiermit offiziell bekannt geben, dass ich nicht schwul bin!

Bist du sicher? Schließlich knutschst du auch gut und gerne mal mit Männern in der Öffentlichkeit…
Gut und gerne? Das kommt nur vor, wenn ich betrunken bin. Und seit ich eine Freundin habe, habe ich diese Art der Zärtlichkeit eh nicht mehr nötig…

Dann verkleidest du dich jetzt auch nicht mehr als Frau?
Ey, du drückst mir hier ja echt voll das Schwuchteln-Image auf… Aber ich sehe als Frau ziemlich scharf aus, nicht wahr? [lacht] Nun ernsthaft: Angefangen hat die ganze Geschichte mit dem Verkleiden als Frau vor ein paar Jahren. Ich war mit Simon Ax und seiner Freundin auf einem Contest. Ich war damals 16, zu jung also, um am Abend auf die Party zu kommen. Simons Freundin hatte deshalb die Idee, dass ich mich als Mädel verkleiden und dann als Simons Freundin ausgeben
könnte. Das Konzept hat funktioniert. Ich lief Hand in Hand mit Simon am Türsteher vorbei und es war eine fette Party!

Und dann bist du auf den Geschmack gekommen?
Nicht wirklich. Ich habe mich seither nur noch zweimal als Frau verkleidet. Ein mal für das Abiturfoto – da haben mich nicht einmal die Lehrer wieder erkannt. Und das zweite Mal war letzten Winter in Åre. So nötig habe ich es also nicht, eine Frau zu sein.

Hat dich dabei einmal ein Typ angebaggert?
Glücklicherweise nicht, nein. Aber wirklich amüsant war zu sehen, wie rücksichtsvoll die Männer in der Bar an dir vorbeilaufen. Als Typ rempelt dich einfach jeder an. Wenn du aber als Mädel in einer Bar stehst, dann machen sie dir Platz oder schleusen sich an dir vorbei, indem sie dir sanft die Hand auf die Hüfte legen. Außer dem ist es echt lustig, als Mädel aufs Männerklo zu gehen. Ihr solltet die Gesichter der Typen sehen, wenn sich eine Chick in Mini und Hig Heels neben
ihnen über das Pissoir stellt… [lacht]

Wie steht es eigentlich um das Gerücht, dass du mehr Zeit vor dem Spiegel verbringst als ein Mädel?
Das ist Bullshit, wirklich! Keine Ahnung, wer diesen Müll in die Welt gesetzt hat. Das Ding ist bloß, dass meine Freunde außerhalb der Snowboard-Szene sehr viel Wert auf ihr Äußeres legen. Dementsprechend bin ich wahrscheinlich ansatzweise ebenfalls geprägt. Innerhalb der Snowboard-Szene denken dann aber alle gleich, dass ich eitel sei. Aber schaut mich an, ich habe ja nicht einmal so was wie eine Frisur auf dem Kopf…

Du bist diesen Herbst nach Göteborg gezogen. Den Göteborgern wird in Schweden eine ausgesprochene Freundlichkeit nachgesagt: Fühlst du dich netter, seit du dort wohnst?
Ich glaube, ich war schon immer eine freundliche Person. Von daher passe ich ganz gut nach Göteborg. Aber wer weiß, vielleicht kommt das ja noch. Ich wohne ja erst seit ein paar Monaten dort.

Taugt dir das Leben dort?
Absolut! Ich wohne zusammen mit meiner Freundin in einem schicken Apartment. Zudem sind viele meiner Freunde in Göteborg stationiert und die Sommer dort sind echt toll. Jetzt im Winter ist’s nicht ganz so schön, weil es extrem viel regnet und wie überall in Schweden ständig dunkel ist. Zudem liegt leider kein Schnee.

Du bist in Jönköping im schneefreien Süden von Schweden aufgewachsen. Wieso bist du eigentlich nicht Fußballer oder so was in der Art geworden?
Stell dir vor, ich habe früher ziemlich intensiv Fußball gespielt. Für eine Karriere hat’s aber doch nicht gereicht. Wahrscheinlich auch, weil ich neben dem Fußball auch passionierter Kunstturner und Skateboarder war. Die Koordination vom Kunstturnen und das Brettgefühl vom Skateboarden kamen mir letztlich zugute, als ich das erste Mal in meinem Leben auf einem Snowboard stand. Ich hatte den Dreh ziemlich schnell raus und wusste sofort, dass das mein Ding wäre.

Und wie hast du mit dem Snowboarden angefangen? Gab es in Jönköping so etwas wie Dryslopes?
Nein, überhaupt nicht. Aber ich habe Eltern und die haben ein Auto. Also brachte ich sie immer dazu, mich, wann immer ich Zeit hatte, zu einem Skilift zu bringen, der etwa eine Stunde von Jönköping entfernt ist. Neben mir gab es noch ein paar ältere Jungs, die regelmäßig dort snowboardeten. Sie erkannten mein Talent offenbar und brachten mich dazu, an den schwedischen Halfpipe-Meisterschaften teilzunehmen. Ich gewann das Ding und damit sicherte ich mir einen der drei Plätze für Snowboarder am Schnee-Sportgymnasium in Malung. Da mit war für mich klar, in welche Richtung mein Weg künftig gehen sollte.

Dann hast du mit 15 deine Sachen gepackt und bist ganz alleine gen Norden nach Malung gezogen?
Ja, so war das. Das Spezielle an Malung ist ja, dass die Kids dort entweder
in Wohngemeinschaften oder alleine wohnen. Es gibt kein Internat mit Aufsichtspersonen. Wenn ich zurückdenke, kann ich es kaum glauben, dass ich mit 15 schon meine erste eigene Wohnung hatte. Als 15-Jähriger alleine in meiner Wohnung in Malung fühlte ich mich saualt und absolut reif. Aber wenn ich mich daran erinnere, wie viel Fertigpizza ich gegessen habe… Ich hatte keine Ahnung vom Leben! Dennoch habe ich in den Jahren sehr viel gelernt und wurde gezwungenermaßen sehr schnell selbstständig. Es war auf jeden Fall eine super Zeit. Ich meine, welches Kid findet es schon scheiße, an drei Wochentagen Snowboarden zu dürfen und nur an zwei Wochentagen in die Schule gehen zu müssen..?

So viele Kids ohne Aufsicht auf einem Haufen, das hört sich nach einer Menge Ärger. Habt ihr viel Scheiße gebaut?
Oh ja, wir haben viele dumme Sachen angestellt. Dennoch, dafür, dass wir ohne Aufsicht waren, waren wir nicht schlimmer als andere Kids. Wir haben den Leuten Streiche gespielt, aber es war nie übertrieben. Außerdem war ich so oder so eines der lieben und anständigen Kids… ehrlich!

Ältere Fahrer wie deine heutigen Shred-Buddys Hampus Mosesson oder Martin Sandberg waren ebenfalls in Malung. Hast du sie damals bewundert?
Und wie! Hampus, Martin und Stefan Karlsson waren meine Idole, vor allem Hampus. Mann, habe ich den Typen verehrt! Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich ihn das erste Mal getroffen habe. Es war auf einem Contest in Tandådalen. Hampus wollte Schach spielen, hatte aber keinen Partner. Ich war damals ziemlich gut im Schach und wollte ihn herausfordern. Für Hampus war ich aber nur das kleine, uncoole Kid und er ließ sich nur widerwillig auf eine Partie mit mir ein. Dann
putzte ich ihn runter – und seither habe ich seinen Respekt. [lacht]

Hampus brachte dich damals auch zu Quiksilver.
Jawohl, das und so viel anderes hat Hampus für mich getan. Es mag blöd klingen, aber ohne Hampus wäre ich auf keinen Fall da, wo ich heute bin. Ich verdanke ihm wahnsinnig viel. Ich hoffe, ich kann ihm das alles irgendwann einmal zurückgeben!

Mit Basti Balser war auch der Produzent deines ersten Videoparts eine Bekanntschaft aus Malung.
Basti war mit der Schule zwar bereits fertig, als ich anfing, aber ich kannte ihn trotzdem vom Sehen, weil er ab und zu auf Besuch kam. Als ich damals hörte, dass er mich bei den Pirates dabeihaben wollte, war ich natürlich stoked. Ich rief sofort Quiksilver an und fragte sie, ob sie motiviert wären, für mich zu bezahlen. Für mich war es eine super Chance. Ich hatte die Schule gerade abgeschlossen und wollte es mit dem Snowboarden probieren. Durch die Pirates hatte ich die Möglichkeit, aus Skandinavien rauszukommen und dennoch bei einer Crew zu sein, bei der du als Individuum wichtig bist. Schließlich war für mich alles neu, das Filmen, das Backcountry, alles. Da war es sehr wichtig, dass ich eine Crew im Rücken hatte, die mich unterstützte und lehrte. Am Ende entstand aus dieser Zusammenarbeit mein Videopart in „Lubedence“ und mit dem war ich wirklich sehr zufrieden.

Dieser Part war letztlich wohl auch ausschlaggebend für deinen Wechsel zu Burton. Ist man dort gut zu dir?
Auf jeden Fall! Was viele nicht wissen, ist ja, dass Burton anno dazumal mein erster Sponsor war. Ich hatte zwar keinen Vertrag, aber ich fuhr ihre Bretter und ihre Klamotten. Nun habe ich quasi zu meinen Wurzeln zurückgefunden und bin absolut stoked darüber.

Wie hast du den letzten, fast schneefreien Winter erlebt?
Das war Horror, wirklich! Im März 2007 hatte ich noch keinen einzigen Backcountry-Shot. Irgendwie schaffte ich es dann doch noch, ein paar Powder-Kicker zu shooten, und letztlich kam mein Part in „Walk the Plank“ ganz anständig raus. Trotzdem, unter anderen Bedingungen hätte ich bestimmt viel mehr geschafft.

Du hast letzte Saison auch mit Burton geshootet.
Ich war mit Marko Grilc, Mason Aguirre und Danny Davis ein paar Tage in Kanada zum Catskiing. Leider hat es das Footage nicht in den Film geschafft. Aber ich muss dazu sagen, dass die Bedingungen auch nicht allzu toll waren. Wenig später war ich noch mit Marko und Fredi Kalbermatten in Saas-Fee. Dort konnte ich einige ganz coole Sachen shooten, aber leider reichte auch das nicht für den Film. Bei Burton ist die Konkurrenz etwas größer, aber das motiviert einen auch nur, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Apropos Sleds und du: Ihr seid seit Kanada besten Freunde, richtig?
Absolut, die Dinger lieben mich! Dank mir haben Sleds endlich die Möglichkeit, nicht gefahren zu werden, sondern sich selbst zu fahren… [lacht] Nein, im Ernst: Ich hasse Sledding. Ich kannte es ja bereits aus Finnland und Riksgränsen. Dort ist es ja noch ganz mellow, Kanada aber ist richtig hart. Verdammt, ich hätte mich beinahe ruiniert, als wir an einem Tag draußen waren und ich meinen Sled plus Anhänger mit all dem Kamerazeugs einen ziemlich steilen Hang runterbringen musste. Am Einstieg zum Hang musste ich sehr stark nach rechts drehen. Mir ging das alles zu schnell und ich bremste, wobei ich eigentlich hätte Gas geben müssen. Der Sled stand plötzlich auf 90 Grad zum Rest und ich konnte nur noch wegspringen. Der Sled katapultierte sich derweil Richtung Tal, flog über eine Art Cliff und war dann plötzlich außerhalb meiner Sichtweite…

Oh, oh…
Genau, das hörte ich auch vom Rest der Crew mir… Und ich dachte mir nur, dass das verdammt werden könnte. Doch ich hatte echt großes Glück: Das Teil flog zwar gute 40 Meter, aber das, was leicht beschädigt war, war eine Metalleinlage zwischen Ski und Motor. Das Kamerazeugs flog vom Anhänger, aber da es so viel Powder hatte, blieb es ganz. So oder so mussten wir nachher verdammt lange schaufeln, um den Sled wieder auszugraben und zurück auf den Cat-Track zu bringen… Nicht schön!

Dieses Jahr steht bei dir kein Filmprojekt an. Will dich keiner mehr, nachdem alle von deinen Sled-Künsten gehört haben?
[lacht] Wahrscheinlich, ja… Nein, die Entscheidung, diesen Winter nicht zu filmen, kommt von mir.
Ich bin sehr froh und dankbar, dass mich Burton darin unterstützt. Ich bin die letzten zwei Jahre stets Contest gefahren und habe gefilmt. Dabei bin ich nie dazu gekommen, mich nur darauf zu konzentrieren, neue Tricks zu lernen und mein Snowboarden voranzubringen. Saison möchte ich den Schritt über den großen Teich aber endlich wagen .

Lest das komplette Interview mit Chris Sörman in der aktuellen Ausgaben (Heft 135)

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