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Interviews

Nicola Thost

Frauen-Snowboarden war lange Zeit belächelt, die Protagonistinnen eher Models für Sponsoren oder netter Zeitvertreib nach Einbruch der Dunkelheit für ihre männlichen Kollegen. Eine Frau, die wie keine Zweite mit diesem Image aufräumte, war die deutsche Ausnahme-Snowboarderin Nicola Thost. Vom Junioren-Weltmeistertitel bis zum ersten olympischen Gold in der Geschichte des Snowboardens hat Nicola alles erreicht. 2003 erklärte sie ihren Rücktritt vom Profisport. Heute widmet sich die 33-jährige Wahlmünchnerin einem kaum beachteten Thema im Snowboarden: dem Nachwuchs. Gemeinsam mit dem MBM veranstaltet Nicola seit letztem Jahr das Förderprojekt „Sprungbrett“. Was sich hinter dem Projekt verbirgt und wie man daran teilnehmen kann, erzählte uns die Olympiasiegerin von 1998 im „Blickwinkel“.

Nicola, nach deinem glorreichen Auftritt bei den Burton European Open 2009 dachten viele, du würdest ein Comeback starten.
Nein, für mich war der Contest vielmehr ein verspäteter Abschied vom aktiven Contest-Fahren. Das Wetter und die Pipe waren perfekt, es machte einfach grossen Spass, all die alten Bekannten in Laax zu treffen. Nach sechs Jahren Abwesenheit direkt auf Platz fünf zu fahren machte meinen Abschied perfekt. Trotzdem wurde mir an den BEO eine Sache bewusst: Es ist nichts für mich, einen Contest zu fahren, bei dem ich schon vorher weiss, dass ich nicht gewinnen kann.

Mit etwas Training könntest du’s doch sicher noch einmal ganz nach oben schaffen, oder?
Mein Rückzug war auch eine Vernunftentscheidung. Ich hatte drei Kreuzbandrisse – mein Körper konnte den hohen Belastungen dauerhaft nicht mehr standhalten.

Das heisst, dein Rückzug vom Profi-Snowboarden vor sieben Jahren war in erster Linie auf deine Gesundheit zurückzuführen?
Ausschliesslich! 2002 gewann ich nach den Olympischen Spielen die Nippon Open und die Sims World Championships und hatte meinen dritten US-Open-Sieg schon so gut wie in der Tasche. Dann slammte ich im letzten Run und verletzte mich erneut am Knie. Als ich mit meinem kaputten Knie vor all den Zuschauern in der Pipe sass, wurde mir schmerzhaft bewusst, dass meine Zeit gekommen war.

Was fühlt ein Vollblut-Profi in solch einem Moment?
Es war schrecklich und dauerte einige Jahre, das Ganze zu verarbeiten. Ich hatte super Verträge, war erfolgreich und musste dennoch zum Hörer greifen und meinen Sponsoren meinen Ausstieg mitteilen. Im Nachhinein bin ich aber stolz, dass ich am Höhepunkt meiner Karriere den Abschied gemeistert habe. Diese Entscheidung ist für Profisportler sicherlich die schwierigste in ihrer Laufbahn.

Trotz sechsjähriger Abstinenz und ohne Training hast du bei den BEO den fünften Platz erreicht. Können die anderen Mädels nicht snowboarden?
Pipe-Fahren verlerne ich einfach nicht, keine Ahnung… Terje hat bei seiner Arctic Challenge auch nicht viel trainiert und noch gewonnen.

Willst du damit sagen, dass du das weibliche Pendant zu Terje bist?
Ts, ts… das hast du jetzt gesagt. Erst heute mit dem nötigen Abstand kann ich so richtig geniessen, was ich in meiner aktiven Zeit im Snowboarden geleistet und erreicht habe.

Und wie sieht’s mit dem Können der anderen Snowboarderinnen aus?
Wir dürfen das Frauen-Snowboarden nicht so negativ hinstellen. In den letzten Jahren hat es sich unglaublich entwickelt. Sarka Pancochova zum Beispiel ist halb so alt wie ich, landete aber an den BEO einen Platz hinter mir. Sie hat grosses Potenzial und hätte mich locker in die Tasche gefahren. Aber es fehlte ihr damals einfach noch an Wettkampferfahrung, um konstant oben mitzufahren.

Am Anfang deiner aktiven Zeit war Snowboarden grösstenteils noch ein Sport ohne Trainer und bei den Contests zählte der Spass mindestens genau- so viel wie das Ergebnis.
Mein grosses Vorbild damals, Nicole Angelrath, ist bei Contests am ersten Tag noch Stangen und am zweiten Tag Pipe gefahren. Später dachten wir, die Grenzen des Möglichen wären erreicht mit Schlangen-7ern von Daniel Franck. Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten und Nischen, sich als Profi-Snowboarder zu positionieren. Das Snowboarden hat sich zu einer Mischung aus Extremsport und Akrobatik entwickelt, worauf man den Körper gezielt vorbereiten muss. Die Fahrer investieren viel Zeit und spezialisieren sich, um es aufs Treppchen zu schaffen, Cover-Shots oder einen Main Part in einer Filmproduktion zu bekommen. Ich glaube, man kann immer noch ohne Trainer und Manager erfolgreich sein, aber mit professionellem Beistand kann man sich besser auf das Wesentliche konzentrieren: das Snowboarden an sich. Der Spass ist geblieben bis heute und das ist gut so.

Xaver Hoffmann und du waren damals ohne Trainer international erfolgreich. Heute gibt es die Trainer und Verbände, aber weder in Österreich noch in Deutschland gibt es pipe-technisch international konkurrenzfähige Fahrer/-innen.
Nachwuchs gibt’s genug, Trainer gibt’s auch, was fehlt, sind die Trainingsbedingungen. Es gibt deutschlandweit 155 Skisprunganlagen und fünf Bobbahnen, aber keine Pipe. So kann das ja nix werden.

Dein Erfolg trug immerhin dazu bei, dass Snowboarden fortan gefördert wurde.
Das stimmt. Als ich 1998 Olympia gewann, gab es noch kein deutsches Förderprojekt, welches mir unter die Arme gegriffen hätte, sondern Olympia wurde nur durch meine Sponsoren, die Unterstützung meiner Eltern und mein eigenes Engagement möglich. Den Erfolg schrieb sich hinterher der deutsche Skiverband auf die Fahnen.

Aber trotz Förderung gab es seitdem keine großen Pipe-Erfolge mehr.
Der Verband förderte damals vor allem Fahrer, die ohnehin schon erfolgreich waren. Die Basis wurde vernachlässigt, der Nachwuchs blieb auf der Strecke.

Wie kann man deiner Meinung nach das Problem Nachwuchsförderung angehen?
Der DFB zum Beispiel hat vor zehn Jahren ein Rettungspaket für den deutschen Spitzenfußball auf den Weg gebracht. In diesen Jahren wurden 610 Millionen Euro in die Förderung von Nachwuchstalenten gesteckt. Heute ist Deutschland im Fußball mit U17, U19 und U21 Europameister. Fußball ist im Vergleich zum Snowboarden natürlich ein riesiger Markt, aber die Quintessenz ist: Nachwuchsförderung ist ein Geduldsspiel. Man braucht eine starke Basis und einen langen Atem, was im schnelllebigen Snowboard-Business fehlt. Verbände, Industrie, Medien und Resorts schieben die Verantwortung oft vom einen zum anderen und brauchen schnell sichtbare Erfolge, um Budgets zu rechtfertigen.

Du hast dir im letzten Jahr auf die Fahnen geschrieben, Verantwortung zu übernehmen. Was genau heißt das?
Verantwortung zu übernehmen bedeutet für mich zu agieren, statt nur clever daherzureden, und Worten auch Taten folgen zu lassen. 2009 kamen vier Macher aus vier verschiedenen Bereichen an einem Tisch zusammen: Seppi vom Absolut Park Flachauwinkl, Marco vom Crystal Ground Park Kleinwalsertal, du vom MBM und ich, die die letzten Jahre für Camps und Kids-Projekte in verschiedenen Resorts und auf Rookie Contests unterwegs war. Wir hatten ein gemeinsames Ziel: Cocktails, haha… und in Zukunft wieder mehr Kids auf dem Snowboard, in den Parks und in den Magazinen! Gemeinsam haben wir „Sprungbrett“ ins Leben gerufen. Ohne fetten Business-Plan wollten wir vor allem mal loslegen und schauen, wohin sich das Ganze entwickeln kann. Jeder von uns hat unbezahlbares Wissen, wichtige Perspektiven und Engagement im Rahmen der eigenen Möglichkeiten eingebracht.

Für was steht der Name „Sprungbrett“?
Der Name ist doch damals auf deinem Mist gewachsen… Mit der Hilfe vom „Sprungbrett“ kommt man besser nach oben – wenn man den Mut hat aufzuspringen! „Sprungbrett“ sieht Talentförderung nicht als Pflicht, sondern als langfristige Chance für die Kids, für das Snowboarden. „Sprungbrett“ soll nicht Konkurrenz sein zu bereits bestehenden Instititutionen, sondern setzt früher an: Es beschert Kids zwischen sieben und 15 Jahren unvergessliche, unbezahlbare Erlebnisse. „Sprungbrett“ ist ein unabhängiges Konzept, das wächst und gedeiht durch den Einsatz derer, die sich aus Überzeugung dafür engagieren. „Sprungbrett“ ist eine Herzensangelegenheit.

Bei den „Sprungbrett“-Stopps handelt es sich also nicht um ergebnis- orientierte Events?
Es gibt Rookie Contests, Firmen, die junge Talente schnellstmöglich unter Vertrag nehmen, und es gibt Verbände, die gezielt Leistungssportler fördern. Was es nicht gibt im Snowboarden, ist eine unabhängige Plattform, die Kids und Jugendliche auf all das vorbereitet, was bereits in so jungen Jahren auf sie zukommen kann. Dieser Aufgabe nimmt sich „Sprungbrett“ an.

Für welche Kids ist das Projekt interessant?
Talentierte junge Snowboarder müssen sich bis spätestens 16 entschieden haben, ob sie die Profilaufbahn einschlagen möchten. Mit „Sprungbrett“ wollen wir den Weg dorthin begleiten und gegebenenfalls fördern. Die Kids sollen sich in einem spielerischen, ungezwungenen Rahmen entfalten, der ihr Selbstvertrauen stärkt. Ein Großteil meines eigenen Erfolgs kann ich heute auf meinen Spieltrieb, meine Neugier, die positiven Erfahrungen und das ständige Ausloten meiner persönlichen Grenzen zurückführen.

Wie war die Resonanz auf die erste Saison „Sprungbrett“?
Die Resonanz war unglaublich! Und viele der Kids vom ersten Stopp haben sich direkt für den zweiten Stopp wieder angemeldet.

Den Kids hat’s gefallen, aber haben sie auch wirklich etwas aus den Veranstaltungen mitnehmen können?
Freude daran ist ja auch wichtig, denn ohne Erfolgserlebnisse und Begeisterung bleibt keiner auf Dauer an einer Sache dran. Die Kids konnten viele neue Erfahrungen sammeln, mit den Pros ihren persönlichen Fahrstil weiterentwickeln. Sie lernten nein zu sagen, wenn es zu gefährlich war oder sie müde wurden, und dass Snowboarden nicht nur Rails-Rutschen bedeutet. Viele der Kids fragten mich am Ende, ob wir nicht jedes Wochenende ein „Sprungbrett“ machen könnten. Das hat mich natürlich gefreut, zeigt aber auch, wie sehr dieses Konzept ankommt und gebraucht wird.

Was erwartet Jugendliche, die sich für einen „Sprungbrett“-Stopp anmelden wollen?
Diese Saison wird es fünf Stopps geben, jeweils über einen ganzen Tag. Bei allen Stopps steht natürlich das Snowboarden im Vordergrund, aber kein Stopp gleicht dem anderen. In jedem Resort gibt es je nach Bedingungen verschiedene Schwerpunkte: Park, Freeriden, Pipe, Woods – begleitet von Locals, erfahrenen Pros, Fotografen und Filmern, werden die Kids das ganze Gebiet intensiv kennenlernen und bekommen Hintergrundwissen zu den Basics des Karriere-Managements mit auf den Weg.

„Karriere-Management“ hört sich weder nach Spaß noch nach Snowboarden an…
Es gehört aber genauso dazu! Fragen zum Beispiel, wie sich Schule und Snowboarden miteinander vereinbaren lassen, wieso mein Kumpel schon ’nen Shot im MBM hat und ich nicht, wieso ich bei einem Meter Neuschnee nicht ins Backcountry darf, wie ich meinen ersten Sponsor bekomme, wie ich Verletzungen vorbeugen kann und wie man es schafft, nach 17 Jahren immer noch Bock auf Snowbarden zu haben. Solche Fragen ergeben sich ganz automatisch.

Du verteilst diese Saison auch wieder Wildcards. Wofür gibt’s die denn?
Die Wildcards gibt’s beim „Sprungbrett“ für Dinge, die man sich nicht kaufen kann. Alle, die bei „Sprungbrett“ teilnehmen, haben auch heuer wieder die Chance auf eine Wildcard für die Monster Session, die in dieser MBM-Ausgabe ja groß präsentiert wird. Und auch die Red Bull UpSprings werden heuer wieder stattfinden. Da habe ich einige Plätze für die größten Talente aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu vergeben, wofür ich natürlich Augen und Ohren offen halte.

Vergangenen März durften wir an der Monster Session die beiden Gewinner des „Sprungbrett“ 2009 begrüßen. Nach welchen Kriterien hast du die beiden ausgewählt?
Die Wildcards zur Monster Session bekamen die Kids mit der meisten Motivation und dem größtem Potenzial für alles, was mit Photoshoots, Filmen oder Backcountry zu tun hatte.

Wie erging es den Jungs zwischen all den Pros?
Wir waren zwei Tage im Backcountry am Kicker-Bauen und Lines-Fahren. Dabei haben die Jungs gemerkt, dass Kicker-Bauen auch anstrengend sein kann und Powder Sprays auf Fotos meistens viel weniger gut aussehen, als sie sich anfühlen. Aber mit den Pros im Hotel, einem Fotografen und einem Guide am Berg, das war schon eine große Erfahrung für die zwei.

Wo können sich Eltern und Kids informieren bzw. anmelden?
Informiert seid ihr ja jetzt bestens, oder? Für weitere Informationen zu den einzelnen Stopps dieser Saison immer fleißig MBM lesen. News und Updates findet man auch in der Facebook-Gruppe „Sprungbrett“ und anmelden kann man sich unter www.snowboarderMBM.de oder bei mir.

Zum Schluss deine Botschaft an alle motivierten Shred-Kids da draußen!
Wer nicht mitmacht, kann nicht gewinnen!

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